Fünf Rennen, fünf Siege. Das ist Patrick Kipngenos Bilanz auf asiatischem Boden, und niemand in der Golden Trail World Series kommt auch nur annähernd an diese Zahl heran. Zweimal gewann er in Kobe, einmal vor einer Woche in Myoko, zweimal bereits hier, an der Chinesischen Mauer. Jetzt kehrt er zurück an einen Ort, an dem er sich offenbar selbst am meisten zutraut, und die ganze Szene fragt sich: Kann er das wirklich immer wieder tun?
Text: Egon Theiner, Pablo Osorio/GTWS
Bilder und multimediale Inhalte: GTWS, Rising Story/GTWS, Koastal Forest/GTWS
Die Jinshanling Great Wall Trail Race ist das siebte und letzte reguläre Saisonrennen vor dem großen Finale im südkoreanischen Muju am 24. und 25. Oktober. Sie führt als einzige Station im gesamten GTWS-Kalender über eines der Sieben Weltwunder der Moderne, und genau das gibt diesem Rennen seinen besonderen Flair. Wer hier läuft, läuft buchstäblich auf Geschichte.
Zwei Stars fehlen, zwei Türen stehen offen
Beide Gesamtführenden der Saison sind in unterschiedlicher Weise geschwächt. Bei den Männern hat Elhousine Elazzaoui seine Führung bereits an Philemon Kiriago verloren, der nach seinem zweiten Platz in Myoko mit 860 Punkten nun selbst vorne liegt, 36 Punkte vor Elazzaoui. Bei den Frauen fehlt Madalina Florea, sie ist erkrankt und pausiert, während sie mit 872 Punkten weiterhin die Gesamtwertung anführt. Für zwei Athletinnen bedeutet das eine seltene Gelegenheit: Caroline Kimutai, die 2025 genau hier in China ihren ersten GTWS-Sieg feierte und nach verletzungsbedingtem Fehlen in Japan zurückkehrt, sowie Ruth Gitonga, die in Myoko bis zum Schluss um den Sieg mitlief, ehe ein schwieriger letzter Anstieg sie vom Podest stürzte.

Das Männerfeld: Kiriago verteidigt, Kipngeno jagt die Perfektion
Philemon Kiriago weiß genau, was in China auf dem Spiel steht. Da nur die vier besten Saisonergebnisse zählen, muss er entweder eines seiner bestehenden Resultate verbessern oder zusätzliche Punkte in den Zeitwertungs-Segmenten sammeln, um seinen Vorsprung vor dem Finale auszubauen.
Dicht hinter ihm lauert eben jener Kipngeno, Dritter der Gesamtwertung mit 772 Punkten. Und sollten weder er noch Kiriago gewinnen, bleibt der Sieg möglicherweise trotzdem im eigenen run2gether-Lager: Michael Selelo, Vierter mit 754 Punkten, stand in allen fünf bestrittenen Rennen dieser Saison auf dem Podest, fünf von fünf, eine Konstanz, die selten so ruhig daherkommt wie bei ihm. Auch der Mexikaner Brayan Rodríguez verdient besondere Aufmerksamkeit, nachdem er in Myoko mit den Führenden mitlief, bis ihn ein Sturz aus dem Rennen warf. Der Rückschlag scheint seine Ambitionen nicht gebrochen zu haben.

Das Frauenfeld: Ein Duell auf 45 Sekunden, und eine Debütantin mit Schwung
Hanna Gröber reist als frischgebackene GTWS-Siegerin nach China, in Japan holte sie ihren ersten Triumph überhaupt in der GTWS. Diese Leistung hat die Deutsche auf Rang sieben der Gesamtwertung katapultiert, sie steht bei 502 Punkten, und die amtierende Europameisterin im Up-and-Down-Format wird versuchen, diesen Schwung mitzunehmen.
Kimutai, mittlerweile Fünfte mit 614 Punkten, und Gitonga, Zweite mit 698 Punkten, tragen beide die Erfahrung eines Rückschlags in sich, aus dem heraus sie jetzt umso entschlossener wirken sollten. Direkt dahinter liefern sich Barbora Bukovjan und Marie Nivet eines der engsten Duelle der Saison: In Myoko trennten die beiden am Ende gerade einmal 45 Sekunden. Wenn Margen so klein werden, entscheidet am Ende oft nicht mehr die Form, sondern der Wille, im entscheidenden Moment noch einmal alles zu geben.
Weitere Namen im Rennen
Im Kampf um die Top Ten der Gesamtwertung: Bogdan Damian (556 Punkte), Nashon Kiplimo (481), Isacco Costa (470). Zusätzlich am Start: Joey Hadorn, Ryunosuke Omi, Zhu Yutao. Bei den Frauen verteidigen Renee Cardinaals (478) und María Fuentes (454) ihre Top-10-Plätze, während Estel Roig (393) und Naiara Irigoyen (267) aufschließen wollen.
Die Strecke
24 Kilometer, 1.889 Höhenmeter, Yan-Berge, rund zwei Autostunden von Peking. Steile, unregelmäßige Stufen der historischen Mauer wechseln sich mit trockenem, sandigem, technischem Terrain ab, ohne echte Erholungsphase.
- Uphill-Segment (km 5): 1 km, Ø 16,6 % Steigung, über die alten Mauerstufen
- Sprint-Segment (km 8): 1,6 km, ständiges Auf und Ab
- Downhill-Segment (km 14,6): 1,3 km, Ø −17,9 % Gefälle, eine der längsten und schnellsten Abfahrten der Serie, trocken und rutschig
Das Renn-Logo ist vom einzigen erhaltenen Qilin-Wandgemälde entlang dieses Mauerabschnitts inspiriert, jenem mythischen Wesen, das in der chinesischen Tradition für Glück, Mut und das Streben nach Exzellenz steht.

Übertragung
Live weltweit über Warner Bros. Discovery (HBO Max, Eurosport, TNT Sports).
- Frauen: Sonntag, 27. September, 14:00 Uhr Ortszeit / 8:00 Uhr MESZ
- Männer: 14:20 Uhr Ortszeit / 8:20 Uhr MESZ
- HBO Max ab 7:50 Uhr MESZ, Eurosport 2 ab 8:15 Uhr MESZ
- Highlights: Mittwoch, 30. September, 22:00 Uhr MESZ (Eurosport, HBO Max), einen Tag später auf dem offiziellen GTWS-YouTube-Kanal
Preisgeld: 40.800 Euro für die Top Ten beider Kategorien, je 6.000 Euro für die Siegerin und den Sieger.
