GTWS an der Chinesischen Mauer: run2gether jubelt mit Ruth Gitonga

Vor sieben Tagen, beim GTWS Myoko Trail in Japan, lief Ruth Gitonga sich selbst in eine Falle. Sie startete zu schnell, führte lange, und musste am Ende zusehen, wie ihr die Kräfte genau dann ausgingen, als es am meisten zählte. Auf der Chinesischen Mauer machte sie daraus eine Lektion, die sie sich offenbar sehr genau gemerkt hatte.

Text: Egon Theiner, Pablo Osorio/GTWS
Bilder: Koastal Forest/GTWS
Interviews: GTWS

Diesmal ließ sie Hanna Gröber und Caroline Kimutai vorausziehen. Die beiden kämpften kilometerweit Kopf an Kopf, praktisch untrennbar, während Gitonga zwei Minuten dahinter blieb, geduldig, kontrolliert, fast unauffällig. Erst in der zweiten Rennhälfte begann sie, den Rückstand aufzulösen. Erst ganz am Ende wurde daraus ein Sieg, ihr erster überhaupt in der Golden Trail World Series.

Dass sie ihn ausgerechnet auf diesem Weg holte, macht die Geschichte interessanter als ein bloßes Ergebnis. Die Jinshanling Great Wall Trail Race verzeiht wenig. Über tausend steile Stufen, teils mit mehr als 35 Prozent Steigung, begrüßen die Läuferinnen und Läufer gleich zu Beginn auf der Mauer selbst, bevor die Strecke in ein technisches, staubiges Terrain aus den Yan-Bergen übergeht. Wer hier zu früh alles gibt, bezahlt später dafür. Genau das passierte Kimutai, die auf den Anstiegen Gitongas Tempo nicht mehr mitgehen konnte. Und es passierte auch Gröber, wenn auch aus einem anderen Grund.

Die Deutsche hatte das Rennen von Beginn an dominiert, den Uphill-Abschnitt gewonnen, den technischsten Sprint der Saison für sich entschieden. Dann stürzte sie, in der zweiten Streckenhälfte, schwer genug, dass sich später ein kleiner Bruch am Handgelenk bestätigte. Am Ende reichte es immer noch zu Platz zwei, 1:26 Minuten hinter Gitonga, mit Kimutai als Dritter, 3:45 Minuten zurück.

Für Gitonga selbst bedeutet der Sieg mehr als nur eine Premiere. Sie rückt in der Gesamtwertung auf Platz drei vor, mit 766 Punkten, und reist nun voller Selbstvertrauen zum großen Finale nach Südkorea. Wer in Myoko noch an sich selbst gescheitert ist und eine Woche später genau das Gegenteil beweist, hat mehr gelernt als nur eine neue Taktik.

Kipngeno bleibt in Asien einfach ungeschlagen

Bei den Männern gab es weniger Dramatik, dafür beinahe erschreckende Konstanz. Patrick Kipngeno gewann sein sechstes Rennen in sechs Antritten auf dem asiatischen Kontinent, und die Art, wie er es tat, folgte fast exakt dem Drehbuch der Vorwoche. Lange hielt er sich zurück, ließ Joey Hadorn und seine eigenen Teamkollegen Philemon Kiriago und Michael Selelo das Tempo diktieren, und schlug erst zu, als der Anstieg noch einmal steiler wurde. Kiriago, der ihm bis dahin gefolgt war, konnte am Ende nicht mehr mithalten.

Kipngeno kam nach 2:12:30 Stunden ins Ziel, 30 Sekunden schneller als im Vorjahr auf derselben Strecke. Kiriago wurde Zweiter, 1:54 Minuten zurück, Hadorn Dritter mit 3:12 Minuten Rückstand, es war exakt dasselbe Podium wie 2025.

Für die Gesamtwertung hat das Rennen die Lage noch einmal verschoben. Kiriago führt jetzt mit 870 Punkten vor Kipngeno, der mit 830 Punkten auf Platz zwei sprang. Elhousine Elazzaoui, der vor den beiden Asien-Rennen noch die Tabelle anführte, rutschte auf Platz drei zurück, mit 824 Punkten. Bei den Frauen bleibt Madalina Florea trotz ihres krankheitsbedingten Fehlens in Asien mit 872 Punkten vorne, doch Kimutai hat mit ihrem dritten Platz den Rückstand auf nur noch 66 Punkte verkürzt.

Ein Finale, das seinem Namen gerecht wird

In einem Monat entscheidet sich alles im südkoreanischen Muju. Der Kurs im Deogyusan-Nationalpark bringt 25,6 Kilometer und 2.294 Höhenmeter mit sich, es soll eine der anspruchsvollsten Streckenführungen sein, die die GTWS je gesehen hat – vorbei am jahrhundertealten buddhistischen Tempel Baengnyeonsa. Bis zu 300 Punkte stehen dort auf dem Spiel, dazu weitere aus den Segment-Wertungen, was bedeutet, dass so gut wie nichts vor dem letzten Kilometer entschieden sein wird.

Der Austragungsort selbst trägt dabei eine Bedeutung, die über die GTWS hinausgeht. North Jeolla, die Provinz, in der Muju liegt, ist Südkoreas offizieller Kandidat für die Olympischen Sommerspiele 2036, nachdem sie im Februar 2025 überraschend die Hauptstadt Seoul im nationalen Auswahlverfahren hinter sich ließ. Dass ausgerechnet hier das GTWS-Finale stattfindet, mag Zufall sein oder auch nicht.

Das Frauenrennen findet am 24. Oktober statt, die Männer schließen die Saison am 25. Oktober ab. Teilnahmeberechtigt sind die besten 30 der Gesamtwertung beider Kategorien, ergänzt um die Siegerinnen und Sieger der Golden Trail National Series in China sowie der nationalen Meisterschaften in Australien, Frankreich, Italien, Polen, Spanien, Tschechien und Mexiko.

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