Während beim Exekutiv-Meeting der World Athletics in Polen keine weiteren wichtigen Schritte gemacht wurden, um Trailrunning olympisch zu machen, fand Anfang März die Generalversammlung der International Trail Running Association (ITRA) statt. Heimlich, still und leise quasi, Stand heute gibt es nicht einmal eine Presseaussendung auf der eigenen www.itra.run Website dazu. Präsident Janet Ng aus Hongkong stand in einem schriftlich geführten Interview indes Rede und Antwort.
Text: Egon Theiner
Bilder und Graphiken: ITRA
Beginnen wir gleich einmal mit einer Provokation: Braucht die globale Trailrunning-Szene ITRA? Es gibt doch die UTMB Group, die mehr oder weniger dieselben Dienste anbietet und einen im Gegensatz zu ITRA kostenlosen (Performance) Index hat. Warum brauchen wir zwei Organisationen, die beide von Veranstaltern geführt werden, für einen Nischensport?
In aller Kürze: Ja, die Szene braucht ITRA. In einer Zeit, in der sich das Trailrunning weiterentwickelt und zunehmend kommerzialisiert wird, ist es wesentlich, eine unabhängige Instanz zu haben, die die Kernwerte des Sports schützt und für eine ausgewogene Entwicklung sorgt. Die Rolle von ITRA ist es, dem Sport insgesamt zu dienen und zu vertreten, im Namen von Läufern und Veranstaltern weltweit. Als gemeinnützige Organisation können wir Prioritäten setzen, die im besten Interesse des Sports liegen, und nicht nur das, was kommerziell am attraktivsten ist.
Es gibt außerdem einen grundlegenden strukturellen Unterschied zwischen ITRA und privaten Akteuren. ITRA operiert durch demokratische Governance: Alle vier Jahre finden Wahlen statt, Mitglieder können kandidieren, ihre Vision darstellen und die Zukunft des Sports aktiv mitgestalten.
Private Organisationen verfolgen per Definition andere Ziele und sind in erster Linie ihren Anteilseignern gegenüber verantwortlich. Somit, zusammenfassend: Mit dem Wachstum des Sports werden Transparenz und die Vermeidung realer oder wahrgenommener Interessenkonflikte immer wichtiger. ITRA spielt eine Schlüsselrolle, um dieses Gleichgewicht zu gewährleisten.

Folgen wir der Spur des Geldes. Das Budget für Personalkosten und IT/Technologie ist von 2025 auf 2026 um rund 30 % gestiegen. Können Sie erklären, welche Änderungen ITRA vornimmt, um einen beträchtlichen Betrag in diese beiden Funktionsbereiche zu investieren?
Für das laufende Jahr haben wir ein ambitioniertes Arbeitsprogramm vor uns, einschließlich neuer Initiativen und Systemupgrades. Die Technologie entwickelt sich schnell, und strategische Investitionen in unsere digitale Infrastruktur sind unerlässlich.
Parallel dazu investieren wir in unsere Mitarbeiter — wir stellen sicher, dass unser Team über die Expertise und Kapazität verfügt, die nötig sind, um unsere neuen Initiativen und Verbesserungen effektiv umzusetzen. Dies spiegelt unsere Strategie wider, sowohl die Servicequalität als auch die organisatorische Resilienz zu sichern.

Angesichts der Mitgliederzahlen, die ITRA aufweisen kann, und der globalen Verbreitung Ihrer Organisation erscheinen 40.000 €, die zwei Hauptsponsoren beisteuern, sehr gering. Gibt es Marketingstrategien, um das zu ändern? Außerdem: Warum hat Dynafit die Zusammenarbeit mit ITRA beendet?
ITRA ist eine gemeinnützige Organisation; daher ist bei unseren kommerziellen Partnerschaften das Wichtigste, dass sie gegenseitig vorteilhaft sind, dem Sport helfen und Marken einbeziehen, die unsere Philosophie teilen. Bei Maurten und Runderwear ist uns dies gelungen, und wir hoffen, dass diese Kooperationen noch lange bestehen bleiben. Wir haben kürzlich unsere Partnerschaft mit Maurten nach Ablauf der Erstlaufzeit erneuert, was die Stärke dieser Beziehung widerspiegelt. Wir sind offen dafür, weitere Marken aufzunehmen, die uns unterstützen möchten, Trailrunning zu fördern und zu entwickeln, aber unser Fokus ist weniger rein finanziell und bewusst zurückhaltend – wir priorisieren langfristigen Wert gegenüber kurzfristigen kommerziellen Erwägungen.
Bezüglich Dynafit: Wir hatten eine sehr positive Zusammenarbeit, bevor Änderungen in deren Zuordnung des Marketingbudgets diese Partnerschaft beendeten.

Wie viele Angestellte hat ITRA derzeit, wie viele Personen stehen auf der Gehaltsliste? Welche Positionen sind unbezahlt?
ITRA hat derzeit acht bezahlte Teammitglieder, bestehend aus einer Mischung von Vollzeit- und Teilzeitstellen. Zusätzlich profitieren wir von einem bemerkenswerten globalen Netzwerk von Freiwilligen.
Unsere sieben Vorstandsmitglieder arbeiten ehrenamtlich, ebenso wie unsere 15 Mitglieder des Steering Committees (Lenkungsausschuss, A.d.R.), 79 nationale Vertreter und viele andere weltweit, die in Bereichen wie Übersetzung, Ranking und Community-Support beitragen. Ihr Engagement ist eine definierende Stärke von ITRA und spiegelt den Geist der Trailrunning-Community wider.



Janet Ng beim Southeast Asia Trail Running Cup 2024, mit dem Team bei den WMTRC 2025, und laufend in Hongkong: Die AK-55-Läuferin hat einen ITRA Performance Index von 499 (Stand 26.3.26)
Wie schwierig ist die Zusammenarbeit angesichts der globalen Verteilung und Wirkung Ihrer Organisation?
Der Vorstand war während der etwa vier Jahre meiner Präsidentschaft stabil. Er vereint eine vielfältige und erfahrene Gruppe von Personen aus der ganzen Welt, darunter Amir Ben-Gacem (Vizepräsident, Tunesien), Rainer Duespohl (Vizepräsident, Deutschland, ansässig in Hongkong), Rui Pinho (Vizepräsident, Portugal), Robert Watson (Vizepräsident, Australien, ansässig in den Philippinen), Pól O Murchú (Schatzmeister, Irland) und Enrico Pollini (Generalsekretär, Italien). Trotz unserer globalen Verteilung funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut. Wie viele internationale Organisationen sind wir auf Flexibilität und gegenseitige Rücksichtnahme angewiesen, um Zeitzonen effektiv zu managen, was das Team mit großer Professionalität umsetzt.
Wie ist ITRA in die Sportpolitik und mit internationalen/nationalen Leichtathletikverbänden involviert, beispielsweise in der Frage, ob und wie Trailrunning olympisch werde?
ITRA war Partner (zusammen mit der IAU, WMRA und World Athletics) bei der Ausrichtung der World Mountain and Trail Championships in Chiang Mai (2022), Innsbruck-Stubai (2023) und Canfranc (2025) und zuvor bei den World Trail Running Championships in Abutres, Penyagolosa und Bada Prataglia. Während IAU und WMRA strukturell mit World Athletics verbunden sind, hat ITRA ein eigenes Governance-Modell: Unsere Mitglieder sind Trailrunner und Trailrunning-Veranstalter, und wir sind ihnen verpflichtet. Dies beinhaltet, für die Werte des Trailrunnings einzutreten und Aspekte unseres Sports zu schützen, die ihn so besonders machen — Authentizität, Inklusivität und Solidarität zwischen Läufern, Freiwilligen und den Gemeinden, in denen Rennen stattfinden, zum Beispiel.
Neben den ITRA National Leagues, die inzwischen in 105 Ländern aktiv sind (das europäische Finale findet im Oktober in Portugal statt, A.d.R.), organisiert ITRA auch die Asia Pacific Trail Running Championships. Die 1. Ausgabe fand 2024 in Ulju, Korea, statt und war bei den besten Läufern der Region und den Fans des Sports in der Asien-Pazifik-Region sehr beliebt.
Bezüglich der Olympischen Spiele: Wir haben unsere Mitglieder konsultiert, und die Rückmeldung war insgesamt verhalten positiv. Daher arbeiten wir konstruktiv mit internationalen Partnern zusammen, um diese Möglichkeit zu prüfen. Es ist ein komplexes Thema, aber es ist gut, dass es diskutiert wird.

Anhand der von Ihnen präsentierten Zahlen über die Verbreitung des Sports liegt die Zukunft des Trailrunnings in Asien, während Afrika in diesem Sport eher ein blinder Fleck ist. Was bedeutet das für die Aktivitäten von ITRA, und welche Programme oder Initiativen könnten Sie für Afrika ins Auge fassen?
Sie haben recht, das starke Wachstum des Trailrunning in Asien ist klar zu erkennen. Es ist ermutigend, diese Dynamik auf dem bevölkerungsreichsten Kontinent zu sehen, da sie Vorteile für körperliche und mentale Gesundheit, ein gesteigertes Bewusstsein für Umweltfragen und Nachhaltigkeit bringt und uns lehrt, unsere Grenzen zu erkunden und dass man zurückbekommt, was man gibt. Für mich persönlich, die seit etwa 30 Jahren in der asiatischen Trailrunning-Szene aktiv ist, ist es besonders erfreulich, diesen Fortschritt zu sehen. Die 2. Ausgabe der Asia Pacific Trail Running Championships, die Ende November in Wuyishan – einem UNESCO-Weltkultur- und -naturerbe in der Provinz Fujian in China – unter der Schirmherrschaft von ITRA stattfinden wird, ist ein weiterer bedeutender Meilenstein für das Trailrunning in der Region.
Der ITRA Performance Index der Männer listet drei afrikanische Läufer unter den Top 10 weltweit, sodass ich nicht sicher bin, dass es korrekt ist, Afrika als blinden Fleck zu bezeichnen. Angesichts der Dominanz afrikanischer Läufer im Straßen-Marathon gebe ich Ihnen aber teilweise Recht. Es gibt einen Rückstand bei Teilnahme und Veranstaltungsinfrastruktur im Vergleich zur schnellen Entwicklung in anderen Regionen.
Es wäre auf jeden Fall großartig, mehr Trailrunning-Veranstaltungen und mehr Trailrunner in Afrika zu sehen. Die Austragung der WMTRC in Südafrika 2027 könnte ein wichtiger Katalysator sein, und ITRA wird prüfen, wie wir Entwicklungsinitiativen auf dem Kontinent unterstützen können.
Danke für das Gespräch.

