Patrick Kipngeno hat seine Ausnahmestellung in Japan eindrucksvoll bestätigt: Mit seinem Sieg beim Myoko-Trail-Debüt in der Golden Trail World Series gewann er bereits alle drei bislang in Japan ausgetragenen GTWS-Rennen. Bei den Frauen gelang Hanna Gröber der Durchbruch – die amtierende Europameisterin im Up-and-Down-Format sicherte sich ihren ersten GTWS-Sieg überhaupt. Beide setzten sich auf einer brutalen 24-Kilometer-Strecke mit knapp 2.000 Höhenmetern durch, zwei große Anstiege und zwei Downhills durch das Myoko-Gebirge, eine der prominentesten alpinen Regionen Japans.
Text: Egon Theiner, Pablo Osorio/GTWS
Bilder: Koastal Forest/GTWS

Kibetts früher Vorstoß, Kipngenos späte Antwort
Los ging es am Suginohara-Skiresort auf rund 800 Metern Höhe, und Erholung gab es von der ersten Sekunde an keine: Gleich zu Beginn wartete ein brutaler Anstieg von über 1.000 Höhenmetern auf nur fünf Kilometern. Kipngeno (Bild oben) gab das Tempo in einer Spitzengruppe vor, zu der auch Michael Selelo (Run2gether On Trail), Timothy Kibett (Salomon), Philemon Kiriago (Run2gether On Trail) und Brayan Rodríguez zählten – nur Sekunden trennten die Kontrahenten.
Beim langen Abstieg zur ersten Passage durch den Zielbereich übernahm Kibett die Kontrolle. Dort lag auch der Downhill-Wertungsabschnitt: ein steiler, ein Kilometer langer Abschnitt mit durchschnittlich 18 Prozent Gefälle. Die stärkste Vorstellung lieferte dabei Anders Kjaerevic (VJ Shoes/Saysky), einer der besten Downhill-Spezialisten der laufenden Saison, der die Passage in 2:45 absolvierte und sich damit zehn wertvolle Bonuspunkte für die Gesamtwertung sicherte.
Nach der Streckenhälfte ging es unter dem Startbogen hindurch in die zweite Schleife, mit nochmals fast einem kompletten Höhenkilometer. Bei Kilometer 12 lag Kibett bereits eine Minute vor Kipngeno und Selelo. Weiter hinten passierte Kiriago die Marke zwei Minuten zurück, sicherte sich aber das Sprint-Segment – ein Kilometer mit durchschnittlich 2,6 Prozent Steigung – in 2:58 und damit weitere zehn wichtige Punkte für seine Gesamtwertungs-Kampagne.
Doch Kibetts frühe Kraftanstrengungen forderten ihren Tribut. Kilometer für Kilometer schmolz sein Vorsprung, während Kipngeno seine Kräfte kontrolliert einteilte und auf seine Erfahrung setzte. Der run2gether-Athlet schlug zuerst beim Uphill-Segment zu – gut einen Kilometer bei brutalen 17,7 Prozent Steigung – und gewann es in 10:24. Trotzdem erreichte Kibett den zweiten Gipfelpunkt bei Kilometer 19,5 noch mit 46 Sekunden Vorsprung. Doch seine Zeit an der Spitze lief ab.
Die Erschöpfung wurde am Ende entscheidend. Zunächst musste Kibett anhalten, um eine auf dem Abstieg verlorene Trinkflasche aufzusammeln. Wenige Minuten später musste er sich sogar kurz an den Streckenrand setzen. Genau dort, während er sich ausruhte, sah er Kipngeno an sich vorbeiziehen – auf dem Weg zum Sieg.
Der Kenianer überquerte die Ziellinie in 2:07:12 und feierte damit seinen dritten GTWS-Sieg auf japanischem Boden. Nach einer starken Aufholjagd wurde Philemon Kiriago Zweiter, 1:25 Minuten zurück, Michael Selelo komplettierte das Podest mit 1:53 Rückstand. Wie schon bei Sierre-Zinal ging damit das komplette Podest an run2gether On Trail.
Kipngeno: „Ich bin mein eigenes Rennen gelaufen“
Nach dem Rennen gestand Kipngeno, dass er nicht mit dem Sieg gerechnet hatte. „Heute fühle ich mich sehr dankbar. Ich habe nicht erwartet, dass ich gewinnen werde. Ich war sehr gut vorbereitet für dieses Rennen, weil ich wusste, dass es ein hartes Rennen wird, mit starken Athleten“, sagte er. Auf die Frage, was in ihm vorging, als er Kibett vor sich sah, antwortete er: „Ich hatte keinen Druck, weil ich gut vorbereitet war. Ich wusste, was es kostet. Und er war sehr gut. Das war für mich in Ordnung. Für mich war es mein eigenes Rennen, ich habe mich nicht an anderen orientiert.“
Mit Blick auf das kommende Rennen an der Chinesischen Mauer, wo er auch 2025 gewonnen hatte, nannte Kipngeno die Erholung als oberste Priorität: „Nächste Woche muss ich mich entspannen, damit ich Energie für die kommenden Rennen sammeln kann. Für mich ist es der letzte Monat, in dem ich jedes Wochenende gewinnen muss. Heute habe ich mich irgendwie müde gefühlt, aber ich habe trotzdem gewonnen.“
Kiriago übernimmt die Gesamtführung
Das Ergebnis hat die Gesamtwertung bei den Männern durcheinandergewirbelt. Da Serienführender Elhousine Elazzaoui (NNormal) in Myoko fehlte, rückte Philemon Kiriago mit seinem vierten Wertungsrennen der Saison an die Spitze. Da nur die vier besten Ergebnisse jeder Athletin und jedes Athleten vor dem Grand Final zählen, steht Kiriago nun bei 860 Punkten, vor Elazzaoui mit 824. Der Titelkampf bleibt jedoch völlig offen – Kiriago kann seinen Vorsprung in China weiter ausbauen, entweder durch die Verbesserung eines bestehenden Ergebnisses oder durch zusätzliche Bonuspunkte aus den Segment-Wertungen.

Gröber dominiert von Anfang an
Bei den Frauen gab es von Beginn an eine klare Protagonistin: Hanna Gröber (im Bild oben). Die deutsche Läuferin übernahm sofort die Initiative und erreichte Kilometer drei, mitten im ersten Anstieg, mit Ruth Gitonga (run2gether On Trail) dicht dahinter. Weiter zurück hielten sich Barbora Bukovjan (Salomon), Marie Nivet (Nike ACG), Estel Roig (Scott) und María Fuentes (Kailas Fuga) innerhalb einer Minute zur Führung.
Nach den oberen Hängen des Bergs ging es in einen spektakulären Abstieg mit atemberaubendem Blick auf die umliegende Landschaft, einschließlich des Nojiri-Sees. Bei Kilometer acht hatte Gröber ihren Vorsprung bereits auf 1:08 Minuten vor Gitonga und 2:50 Minuten vor Bukovjan ausgebaut, während Nivet mehr als dreieinhalb Minuten zurücklag. Die spätere Siegerin sicherte sich zudem das Downhill-Segment in 3:27 und baute ihren Vorsprung bis zur ersten Zieldurchquerung auf zwei Minuten aus.
Das Sprint-Segment, kurz nach der Zieldurchquerung auf einem schnellen, vier Kilometer langen Verbindungsstück zwischen den beiden großen Anstiegen gelegen, ging an Marie Nivet mit 3:42 Minuten. Die Französin bewies erneut ihre Fähigkeit, im Rennverlauf stärker zu werden, genau wie schon beim Québec Mega Trail. Diese kluge Pacing-Strategie half ihr auch beim Uphill-Segment, das sie in 12:42 gewann und damit sowohl Bukovjan als auch Gitonga überholte – Letztere landete am Ende außerhalb der Podestränge.
Gröber diktierte derweil weiter das Renngeschehen von vorne. Die amtierende Europameisterin im Up-and-Down-Format überquerte die Ziellinie in 2:30:19 und sicherte sich ihren ersten Golden-Trail-World-Series-Sieg überhaupt. Nivet komplettierte ihre Aufholjagd mit Platz zwei, 2:48 Minuten zurück, Bukovjan rundete das Podest mit 3:34 Rückstand ab.
Gröber: „Als ich vorne am zweiten Gipfel war, dachte ich, der Sieg könnte meiner sein“
Nach dem Rennen gestand Gröber, dass sie nicht erwartet hatte, so früh in Führung zu gehen. „Mein Ziel war es, unter den ersten drei bis fünf Läuferinnen am ersten Gipfel zu sein, ich dachte, dann hätte ich vielleicht eine Chance“, erklärte sie. Das Selbstvertrauen aus ihrem jüngsten Europameistertitel sei entscheidend gewesen, um ihren Renn-Plan umzusetzen: „Dieser Titel hat mir das Selbstvertrauen gegeben, mein eigenes Rennen zu laufen. Als ich am zweiten Gipfel in Führung lag, dachte ich, der Sieg könnte meiner sein.“ Einen Teil des letzten Abstiegs legte sie sogar gemeinsam mit Timothy Kibett zurück: „Es hat wirklich Spaß gemacht“, sagte sie lächelnd.
Florea hält die Gesamtführung, Salomon gewinnt die Teamwertung
Auch bei den Frauen gab es nach Myoko Verschiebungen in der Gesamtwertung. Madalina Florea (Scott), beim Rennen in Japan nicht am Start, hält mit 872 Punkten weiterhin die Gesamtführung. Ruth Gitonga rückte mit 698 Punkten auf Platz zwei vor, Barbora Bukovjan liegt mit 696 Punkten auf Rang drei.
In der Teamwertung sicherte sich Salomon dank einer starken und ausgeglichenen Vorstellung über beide Rennen den Sieg. Die Plätze vier und fünf von Timothy Kibett und Joey Hadorn bei den Männern, kombiniert mit den Leistungen von Barbora Bukovjan und Silvia Schwaiger, die bei den Frauen Dritte beziehungsweise Sechste wurden, gaben den Ausschlag für den Teamerfolg.
