Am Sonntag, 20. September, macht die Golden Trail World Series erstmals im japanischen Myoko-Gebirge Station, und beide Gesamtführenden der Saison fehlen. Elhousine Elazzaoui und Madalina Florea, die die Saison bislang dominiert hatten, stehen nicht am Start. Für drei kenianische Läufer und eine Läuferin öffnet sich damit eine Tür, die selten so weit offen steht.
Text: Egon Theiner, Pablo Osorio/GTWS
Bilder und multimediale Inhalte: Myoko Trail, GTWS
Warum die Favoriten fehlen
Die Abwesenheit beider Gesamtführender hat handfeste, unterschiedliche Gründe. Florea war ursprünglich für beide Asien-Rennen eingeplant. Sie erkrankte jedoch Ende August und nahm das Training erst kürzlich wieder auf. Sie verzichtet nun auf Myoko und die Chinesische Mauer, um sich vollständig auf ihre Genesung und die Rückkehr in Bestform bis zum Saisonfinale zu konzentrieren.
Elazzaoui hatte sich schon zu Saisonbeginn bewusst dagegen entschieden, zwei separate Reisen nach Asien anzutreten. Damit wollte er die Belastung durch lange Anreisen, Zeitzonenwechsel und Regeneration möglichst gering halten. Sein Fehlen beim Myoko Trail und an der Chinesischen Mauer ist Teil einer von langer Hand geplanten Kalenderstrategie, keine kurzfristige Entscheidung. Beide Athletinnen und Athleten haben bereits genug Punkte gesammelt, um mit realistischen Titelchancen ins große Finale zu gehen.
Das erklärt sich auch aus dem Wertungssystem der Serie. In die Gesamtwertung fließen die jeweils vier besten Ergebnisse aus den sieben regulären Saisonrennen plus das Resultat beim Grand Finale ein. Wer diese vier Ergebnisse bereits im Kasten hat, kann seine Position zwar durch ein weiteres, besseres Resultat noch verbessern, muss aber nicht mehr jedes einzelne Rennen bestreiten. Andere Athletinnen und Athleten schonen sich bewusst für das Finale. Das erklärt auch, warum das GTWS-Meldefeld in Myoko kompakter ausfällt als bei anderen Stationen. Die offizielle Serien-Meldeliste spiegelt nur jene Athletinnen und Athleten, die tatsächlich in der Gesamtwertung geführt werden, nicht die volle Größe der Veranstaltung selbst. Insgesamt werden rund 200 Läuferinnen und Läufer allein im Hauptrennen erwartet, über das gesamte Wochenende verteilt etwa 600 Teilnehmende.
Kenianer mit gemeinsamer Geschichte
Philemon Kiriago, Michael Saoli und Patrick Kipngeno bilden das Trio von run2gether On Trail, jenem Verein, den der Steirer Thomas Krejci aufgebaut hat. Was einst als Randnotiz begann, ist heute eine der konstantesten Kräfte im Weltcup des Trailrunnings. In Myoko haben alle drei die Chance, ihre bislang erfolgreichste Saison weiter fortzusetzen auf dem Weg zu einer möglichen finaen Krönung.
Kiriago kommt in blendender Form nach Japan. Er sicherte sich zuletzt seinen dritten Sieg bei Sierre-Zinal, jenem Schweizer Rennen, bei dem run2gether in diesem wie im vorigen Jahr das komplette Podest besetzt hat. Ein weiterer Sieg in Myoko würde ihn in eine starke Position bringen, um die Gesamtführung zu übernehmen. Selbst ohne Platz eins könnte er, je nach gesammelten Segment-Punkten, den Rückstand auf Elazzaoui deutlich verkürzen oder ihn sogar überholen.
Hier geht es zu den aktuellen Gesamtständen.
Saoli steht aktuell auf Rang drei der Gesamtwertung und hat in dieser Saison bereits dreimal aufs Podest gestanden, zuletzt bei Sierre-Zinal. Kipngeno wiederum verbindet mit Japan eine Geschichte, die tiefer geht als reine Statistik. Im Land der aufgehenden Sonne feierte er 2024 seinen ersten GTWS-Sieg überhaupt. 2025 kehrte er zurück und gewann gleich die Saisoneröffnung. Japan ist für ihn kein neutraler Boden. Es ist der Ort, an dem seine Karriere kippte.




Eine neue Siegerin steht bereits fest, ihr Name nur noch nicht
Bei den Frauen fehlt Titelverteidigerin Florea ebenfalls, weshalb Myoko andere Favoritinnen benennt: Ruth Gitonga (run2gether) steht besonders im Fokus. Sie liegt aktuell auf Rang drei der Gesamtwertung und lief beim Pitz Alpine Glacier Trail bereits auf Rang zwei. Für eine Athletin, die in diesem Jahr in die absolute Weltspitze vorgestoßen ist, wäre ein Sieg in Myoko mehr als eine weitere gute Platzierung. Auch Barbora Bukovjan, eine der auffälligsten Rookies des Jahres, und Marie Nivet, die zuletzt beim ETC by UTMB gewann, zählen zu den ernsthaften Podest-Anwärterinnen.
Ein Berg mit langer eigener Geschichte
Das Myoko-Gebirge gehört zu den „100 berühmten Bergen Japans“, einer 1964 vom Schriftsteller Kyūya Fukada zusammengestellten Liste. Seit Generationen pilgern Wanderinnen und Wanderer zu diesen Gipfeln, lange bevor jemand an Trailrunning dachte. Über sechzig Jahre später öffnet sich der Berg nun der Weltspitze dieses Sports.
Die Strecke selbst verzeiht nichts: 24,7 Kilometer, 2.020 Höhenmeter, zwei Anstiege und zwei Downhills, kaum Verschnaufpausen. Der Start erfolgt am Suginohara-Skiresort, es geht hinauf zu den oberen Hängen nahe dem Gipfel und wieder hinunter mit Blick auf den Nojiri-See. Dieser Abschnitt enthält einen Downhill mit durchschnittlich 18,3 Prozent Gefälle, auf dem die fünf schnellsten Athletinnen und Athleten Bonuspunkte für die Gesamtwertung sammeln. Zurück im Zielbereich folgt ein kurzer Sprint-Abschnitt, bevor der zweite Anstieg wartet, ein Kilometer mit durchschnittlich 17,7 Prozent Steigung. Danach führt der letzte Abstieg ins Ziel.
Entscheidung in Fernost
Nach Myoko bleibt für eine Verbesserung in der Gesamtwertung nur noch eine weitere Station in China, bevor im Oktober in Südkorea das Finale über die Titel entscheidet.
Übertragen wird das Rennen weltweit über die Plattformen von Warner Bros. Discovery, darunter HBO Max, Eurosport und TNT Sports. Das Frauenrennen startet am Sonntag, 20. September, um 13:00 Uhr japanischer Zeit, das entspricht 6:00 Uhr MESZ. Das Männerrennen folgt zwanzig Minuten später. Wer die Live-Übertragung verpasst, kann die Highlights ab Mittwoch, 23. September, 18 Uhr MESZ auf Eurosport und HBO Max nachholen, einen Tag später auch auf dem offiziellen GTWS-YouTube-Kanal.
Mit der für diese Saison angekündigten 50-prozentigen Preisgelderhöhung schüttet Myoko insgesamt 40.800 Euro an die besten Zehn beider Kategorien aus, mit je 6.000 Euro für die jeweiligen Siegerinnen und Sieger.
Dieser Text wurde am Samstag, 19.9., 10:45 Uhr, aktualisiert.
