Laufen alleine ist beim Ultra Gobi nicht genug. Wer in der Wüste mit seinem Team erfolgreich sein will, braucht Funkgeräte, eine gute Taktik und eine clevere Zusammensetzung der Mannschaft.
Text: Klaus Molidor, Gobi Springs
Bilder: Ultra Gobi
Irgendwo im Nirgendwo geht die Sonne auf. Gobi Springs nennt sich dieser Flecken Erde. Sand, Kieselsteine, hin und wieder versuchen sich kleine Büsche in der kargen Umgebung zu behaupten. Bergrücken in der Ferne begrenzen den Blick, rahmen die karge Landschaft ein. Ohne den Ultra Gobi würde dieses Plateau inmitten der Wüste friedlich und totenstill und vor allem menschenleer daliegen. Weil in drei Stunden hier aber die 21. Auflage des in China enorm prestigeträchtigen Rennens startet versammeln sich mehr und mehr Läuferinnen und Läufer vor dem gelben Gebäude, das wie vom Himmel gefallen zu sein scheint – mitten in der Wüste. Goldenes Zelt nennen es die Einheimischen. Dort checken die insgesamt knapp 5200 Läuferinnen und Läufer ein, halten ihre Race-ID-Karte an ein Lesegerät und gehen weiter in den Startbereich. Um 8 Uhr früh hat es hier noch knapp einstellige Plusgrade, zudem pfeift der Wind mit 30 km/h über die Erde. Immer mehr Teams der Universitäten und Business Schools treffen ein, wärmen sich gemeinsam auf, schwenken die Fahnen ihrer Einrichtung, machen letzte Fotos, bevor es los geht.
Der erste von vier Tagen ist zum Eingrooven. Da sind 27 Kilometer zu absolvieren und die Zeit spielt noch keine Rolle. Die Aufregung ist dennoch groß im Startblock. Da müssen die Ordner schon noch einmal den einen oder anderen freundlich darauf hinweisen, dass gerade die chinesische Hymne abgespielt wird – schließlich ist der 1. Oktober der Nationalfeiertag. Einmal noch geht der Blick zurück zur Fahne, dann nur noch vorwärts. Kurz vor 11 Uhr läuft die Karawane los, ein Fahnenmeer zieht durch die Wüste Gobi.
Zwischen sechs und zehn Mitglieder bilden die A-Teams. Um den Sieg zu erringen, zählt aber nicht die schnellste Zeit, sondern die sechstbeste jedes Teams. Und damit nicht genug. Es wird auch der Frauenanteil einberechnet und das Alter der einzelnen Mitglieder. Aus dieser Rechnerei ergibt sich dann die Gesamtzeit – erinnert ein wenig an die Wind- und Gate-Punkte beim Skispringen und soll die Veranstaltung fairer machen. Auf jeden Fall macht es aus dem Ultra Gobi auch eine ziemliche Taktik- und Strategie-Tüftelei. So entscheidet der Teamleader aufgrund der Tagesform, wer als Sechster über die Ziellinie im Etappenort gehen wird. Er ist per Funk mit seinen Läufern verbunden und kann so während des Rennens eingreifen und Strategien laufend anpassen.

Xu Mingyan von der HKU Business School in Hongkong
Oft laufen stärkere Läufer auch ein wenig voraus, um an den Verpflegungsstationen alles perfekt für die Mannschaft vorzubereiten. Damit sich keine Mannschaft im Ehrgeiz und im Adrenalin überschätzt und sich eventuell in dieser lebensfeindlichen Umgebung übernimmt, gibt es auf jeder Etappe verpflichtende Fünf-Minuten-Pausen, die alle Teams einhalten müssen – sonst gibt es Strafen. Auch darauf achtet der Teamleader, wenn seine Mannschaft wieder per Race-ID-Karte am Checkpoint einloggt. Damit die Pause lange genug aber eben auch nicht zu lange ist. Um all das perfekt abzustimmen – dafür ist dieser erste Tag optimal.
Viel ist aber auch schon in der Vorbereitung geschehen. Denn der Veranstalter gibt zwar eine mit Fähnchen markierte Strecke vor, daran halten müssen sich die Teams aber nicht. Nur die Checkpoints jeder Etappe müssen angelaufen und passiert werden. Dazwischen? Egal. „Wir waren dreimal in der Vorbereitung hier und haben geschaut, welche Strecke für uns optimal ist“, sagt Xu Mingyan Teamleader der HKU Business School von der Chinese University Hongkong. Auf dem ersten Tag ist er noch mitgelaufen, um gemeinsam mit seiner Truppe die Abstimmung zu optimieren. „Zum Rennen selbst sind wir auch eine Woche früher angereist, um uns zu akklimatisieren.“
Ähnlich vorbereitet ist auch die National University of Singapore. Cao Beibei ist zum sechsten Mal dabei. „Wir waren die erste internationale Business School die am Ultra Gobi teilgenommen hat.“ Über die Jahre habe sich die Organisation des Ultra Gobi laufend professionalisiert und auch die Infrastruktur habe sich verbessert. Mit den Temperaturen, die über Mittag in die Region um die 30 Grad geklettert sind, hat Cao Beibei keine Probleme. „Hey, wir sind aus Singapur. Das ist meine Komfortzone“.
Auch Hao Fei von der Cheung Kong Graduate School of Business sieht nicht übermäßig erschöpft aus. Er ist zum dritten Mal dabei, diesmal mit seiner Mannschaft im B-Bewerb. In der A-Kategorie darf man nämlich nur ein einziges Mal teilnehmen. „Heuer unterstütze ich meine Teamkollegen. Denn darum geht es beim Ultra Gobi. Alleine bist du in der Wüste nichts. Viele erfolgreiche Männer laufen mit, aber in der Wüste müssen sie sich neu beweisen“, sagt Hao Fei. Er selbst ist ein sehr ambitionierter Marathonläufer, seine Bestzeit liegt bei 2:37 Stunden. „Aber der Marathon zählt in der Wüste nichts. Da musst die anderen unterstützen und die anderen unterstützen dich. Das ist das Schöne.“ Das Laufen in der Wüste gefällt Hao Fei besonders. „Darum möchte ich im Jänner auch zum Ultra Gobi AlUla reisen, wenn es sich zeitlich ausgeht.“

Cao Beibei (Mitte mit der langen Hose) und ihr Team aus Singapur
Dort wird Kevin Brown als Director of Planning and Coordination für den Ultra Gobi AlUla sicher sein. Auch er hat die erste Etappe des Ultra Gobi mit einer ganz anderen Strategie zurückgelegt. „Weil so viele Leute einfach gewandert sind, habe ich das auch getan.“ Nach sechs Stunden hatte er eine „großartige Erfahrung in der Wüste“ gemacht und einiges für das Rennen in Saudi-Arabien von 13. bis 20. Jänner 2027 mitgenommen. „Ich verstehe den Spirit dieses Events jetzt noch besser und wie so ein Rennen aufgebaut ist und wie die ganze Logistik funktioniert.“
