„Skyrunning geht den Berg hinauf und hinunter, Trailrunning geht um ihn herum“

Marino Giacometti gründete die Skyrunning-Bewegung und ist seit Jahrzehnten Präsident der International Skyrunning Federation (ISF). Nach den Weltmeisterschaften auf La Gomera sprachen wir mit ihm über die Ausgabe 2026, offene Fragen zur geografischen Reichweite des Sports, den Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenbereich und die Zukunftsperspektiven von Skyrunning zwischen Nische und olympischem Anspruch.

Text. Egon Theiner
Bilder: ISF

Zur WM in La Gomera selbst

La Gomera war die erste Skyrunning-Weltmeisterschaft überhaupt auf den Kanarischen Inseln. Was hat diesen Austragungsort für die ISF besonders gemacht, abseits der reinen Streckenqualität?

Abgesehen von den Strecken waren es die exzellente Organisation, die Herzlichkeit der Inselbevölkerung und die spektakuläre, wilde Umgebung mitten im Atlantik – viele haben gesagt, sie würden gerne zurückkehren. Sehr wichtig war natürlich auch die Unterstützung durch FEDME, der spanischen Dachorganisation. Es war zudem eine große Freude, auf die Kanaren zurückzukehren, wo wir von 2012 bis 2019 bereits die Transvulcania auf La Palma aufgebaut hatten.

Der Navigationsfehler von Fabián Venero im Sky-Finale hat quasi live über Gold entschieden. Wie geht die ISF mit solchen Momenten um – gibt es nach einem Rennen wie diesem eine Manöverkritik zur Streckenmarkierung, oder gehört so etwas einfach zum Sport dazu?

Die ISF hat internationale und nationale Schiedsrichter, die die Veranstaltungen vorher, währenddessen und danach begleiten. Sie prüfen die Streckenbeschilderung im Vorfeld sowie jegliche Auffälligkeiten, Verpflegungsstellen und so weiter. Wir haben bei unserem internationalen Schiedsrichter nachgefragt, er antwortete: „Soweit ich weiß, gab es keine Navigationsfehler. Athlet Fabien Venero führte solo an der zweiten und dritten Verpflegungsstelle (8,5 km und 12,5 km). Er wurde bei der vierten Verpflegungsstelle (18,5 km) von Luca del Pero eingeholt, und bei der fünften Verpflegungsstelle (22,5 km) hatte ihn bereits auch Dimas Pereira überholt. Ich glaube, Fabien Veneros Problem war, dass er zu schnell gestartet ist – bei Kilometer 12,5 hatte er fast eine Minute Vorsprung –, und dann das Tempo der anderen Athleten nicht mehr mitgehen konnte. Kein Athlet hat sich über die Streckenmarkierung beschwert oder darüber, sich verlaufen zu haben.“ Sein Teammanager sagte, Venero sei kürzlich aus einer Verletzung zurückgekommen, was ihn auf halber Strecke geschwächt haben könnte. Offenbar ist er auf einem flachen Abschnitt kurz von der Strecke abgekommen, bevor er zurückgerufen wurde, allerdings nicht wegen fehlender Beschilderung. Insgesamt kostete ihn das nicht mehr als eine Minute. Wie oben ersichtlich, fiel er danach weiter zurück und wurde noch vor Kilometer 22 von Pereira überholt. Venero selbst hat seinen Fehler nie öffentlich thematisiert.

Alle Medaillen dieser WM sind in Europa geblieben – was sagt das über den aktuellen Stand der geografischen Verbreiterung der absoluten Weltspitze, gerade im Vergleich zum Anspruch der ISF, ein globaler Verband zu sein?

Diese Aussage stimmt nicht. Die USA holten Bronze im SkyUltra. Ich möchte auf die außereuropäischen Medaillen bei unseren verschiedenen Meisterschaften der letzten Jahre hinweisen: Australien (2022 WM – 1; 2025 Jugend – 2, Masters – 2), Bolivien (2026 Masters – 1), Brasilien (2024 Masters 6; 2025 Masters 4), Chile (2023 Jugend 1; 2025 Masters 4), Japan (durchgehend seit 2022 mit mehreren Medaillen in Welt-, Jugend-, Masters- und Stairclimbing-Wertungen, zuletzt 2026 Jugend 5, Masters 6), Mexiko (2024 Welt 1), Mongolei (2023 Jugend 1, Stairclimbing 2; 2026 Masters 2) sowie die USA (durchgehend seit 2022, zuletzt 2026 Welt 1, Jugend 3). Das zählt die Medaillen der Combined-Wertung, die Sky- und Vertical-Ergebnisse zusammenzählt, noch nicht einmal mit.

Es gibt zudem eine Länderwertung, basierend auf den Punkten der jeweils zwei besten Männer und Frauen über alle drei Disziplinen. Dieses Jahr haben alle 36 Länder Punkte gesammelt, zehn davon Medaillen geholt. Japan wurde Dritter in der Gesamtwertung. Wir haben immer große Teams aus Japan, wo die Skyrunning-Szene extrem aktiv ist, ebenso aus Brasilien. Bei der jüngsten Weltmeisterschaft nahmen 36 Nationen von fünf Kontinenten teil, außerhalb Europas darunter: Argentinien, Australien, Bolivien, Brasilien, Chile, Eritrea, Japan, Mexiko, Neuseeland, Peru und die USA.

Die ISF ist ein globaler Verband mit 50 Mitgliedsländern, in denen Skyrunning aktiv betrieben wird. Auch Teilnehmer:innen aus Ländern wie die Niederlande oder Belgien in anderen Ländern gewinnen Medaillen.

Welche Leistung hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Natürlich bin ich persönlich von den Leistungen aller Siegerinnen und Sieger beeindruckt. Besonders von den SkyUltra-Champions: Minoggio mit seinem dritten Weltmeistertitel, und Balendran, die 2025 den Europameistertitel gewann und nun ihren ersten Weltmeistertitel holte, obwohl sie zuvor noch nie bei internationalen Meisterschaften gestartet war. Ebenso beeindruckend sind die Jugend-Champions, die den Sprung zum Erfolg im Erwachsenenbereich geschafft haben. Es gibt viele davon, zum Beispiel Lluis Puigvert, zwölffacher Jugend-Champion zwischen 2023 und 2026 über verschiedene Disziplinen hinweg, und weitere, die ich noch nennen werde.

Zum Nachwuchs und zur Zukunft des Sports

Maximilian Meusburger, gerade 21, war noch vor einem Jahr bei der Jugend-Weltmeisterschaft am Start und wurde jetzt Fünfter im Vertical der Erwachsenen. Wie systematisch fördert die ISF diesen Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenbereich, und was macht diesen Sprung so besonders schnell möglich, verglichen mit anderen Ausdauersportarten?

Der Übergang erfolgt natürlich nach Altersklassen. Das Mindestalter von 15 Jahren im Jugendbereich gibt Athletinnen und Athleten die Gelegenheit, erste internationale Wettkampferfahrung zu sammeln. Der Fortschritt verläuft für talentierte Athletinnen und Athleten natürlich. Ab 18 Jahren können sie an allen anderen Meisterschaften teilnehmen. Es liegt in der Verantwortung der Mitgliedsverbände, Auswahl und Entwicklung ihrer Athletinnen und Athleten zu steuern. Wie Sie sehen, gibt es viele solcher Fälle: Lluis Puigvert und weitere Athletinnen und Athleten mit Jugendmedaillen, die bei dieser Weltmeisterschaft am Start waren: Claudia Corral Hodar, Moana Lilly Kehres, Finn Hösch, Gianluca Ghiano, Cesare Peter Bettoli, Cecilia Basso, Patrycja Stanek, Fiorillo Camesi, Marco Delorenzi. Mir ist ein vergleichbarer Prozess aus anderen Sportarten nicht bekannt.

Zum Stand des internationalen Sports

Die ISF ist über die UIAA angebunden, nicht über World Athletics. Die aktuelle Olympia-Kampagne für 2032 läuft dagegen über World Athletics unter dem Dachbegriff „Trailrunning“. Wäre die Tür für Skyrunning damit verschlossen, falls Trailrunning olympisch wird?

Die ISF ist so genannter „unit-member“ der UIAA, nicht „unter“ ihr, und seit 2008 ein unabhängiger Verband, das lässt sich in unserer Satzung nachlesen. Trailrunning, wie Sie sagen, ist World Athletics zugeordnet. Unsere Verbindung zur UIAA besteht, weil Skyrunning Bergsport ist, nicht Leichtathletik. Wir arbeiten an den aktuellen Anforderungen für die IOC-Anerkennung, die immens sind. Die Anerkennung eines Sports und die tatsächliche Aufnahme eines Sports bei Olympischen Spielen sind zwei verschiedene Dinge – der jeweilige Olympia-Gastgeber entscheidet, welche Sportarten aufgenommen werden.

Zum Ausblick

Die Weltmeisterschaften finden alle zwei Jahre statt, 2028 wäre also die nächste Ausgabe fällig – gibt es dazu schon einen internen Stand, auch wenn öffentlich noch nichts kommuniziert wurde?

Ja, wir arbeiten derzeit an den Details mit einem Austragungsort, der so früh wie möglich bekannt gegeben wird.

Wenn Sie fünf oder zehn Jahre nach vorne schauen: Was müsste passieren, damit Skyrunning den nächsten großen Schritt schafft – raus aus der Nische, rein ins breite Sportbewusstsein?

Skyrunning ist, wenn man so will, von der Größe her ein Nischensport. Skyrunning findet auf technischem Hochgebirgsgelände statt, was die Anzahl der Rennen und Teilnehmenden automatisch begrenzt. Aus Sicherheits- und Umweltgründen sind die Starterfelder gedeckelt. Da der Sport technisch anspruchsvoll ist und in Bergregionen stattfindet, haben Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner nicht ohne Weiteres Zugang, um den Sport kennenzulernen, zu trainieren oder daran teilzunehmen – anders als Trailrunning, das buchstäblich überall stattfinden kann. Die potenzielle Teilnehmerzahl ist dadurch automatisch stark begrenzt. Eine grobe Schätzung zählt weltweit über 2.000 Rennen und mehr als 450.000 Athletinnen und Athleten aus über 90 Ländern, die jährlich an offiziellen Rennen teilnehmen.

Zusammengefasst: Skyrunning geht den Berg hinauf und hinunter. Trailrunning geht um ihn herum.

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