Ein Ultratrail scheint oftmals nie zu enden. Auf die Frage, ob Trailrunning olympisch wird, und wann, gibt es nur häppchenweise Antworten. Klar ist, dass der sportpolitische Weg dieser Disziplin in den Olymp so beschwerlich ist wie ein, sagen wir: Ultratrail.
Text: Egon Theiner
Bild: trailrunning.org.au
Sebastian COE, Ximena RESTREPO, Raul CHAPADO SERRANO, Adille J. SUMARIWALLA, Jackson TUWEI, Valerie ADAMS, Dahlan Jumaan AL HAMAD, Yuko ARIMORI, Beatrice AYIKORU, William BANKS, Sylvia BARLAG, Nataliia DOBRYNSKA, Nawal EL MOUTAWAKEL, Robin Sapong EUGENIO, Diego GARCIA CARRERA, Helio Marinho GESTA DE MELO, Abby HOFFMAN, Hamad KALKABA MALBOUM, Dobromir KARAMARINOV, Cydonie MOTHERSILL, Antti PIHLAKOSKI, Annette PURVIS, Donna RAYNOR, Anna RICCARDI, Mike SANDS, Nan WANG.
Es sind diese 26 Personen, die sich in wenigen Tagen im polnischen Torun anlässlich der 21. Indoor Leichtathletik-Weltmeisterschaft (20.-22. März) treffen werden, um Weichenstellungen im prominentesten Olympischen Sport vorzunehmen. Das World Athletics Council unter dem Vorsitz von Doppel-Olympiasieger Sebastian Coe (1500 m, 1980 und 1984) trifft sich vier Mal im Jahr, zuweilen am Verbandssitz in Monaco, zuweilen dort, wo die wichtigsten Wettbewerbe des Jahres stattfinden.
Erwartete Schwerpunkte der Agenda in Polen sind unter anderen die Bewertung von Innovationen in Hallen -Events, eine finale Abstimmung der World Athletics Ultimate Championship 2026, die im September in Budapest stattfindet und das mit einem Rekord-Preisgeld von 10 Millionen USD dotiert ist, die Vergabe der Hallen-WM 2028, Regeländerungen, Statusberichte, und so weiter.
Es ist weiters sehr wahrscheinlich, besser: es gilt als sicher, dass das World Athletics Council über die Zukunft des Trailrunning-Sports im olympischen Kontext beraten wird, auch wenn dies offiziell meist unter dem Punkt „Competition & Olympic Games update“ geführt wird.
Der Status Quo
Aktuell drängen die Organisatoren der Olympischen Winterspiele „French Alps“ 2032 die Institutionen, einen Trail-Event integrieren zu können: weil dieser Sport in Frankreich eine große Anhängerschaft hat, und weil die Gastgeber wohl mit Medaillen rechnen könnten. Eventuelle Trail-Events könnten im Mittelgebirge von Nizza stattfinden.
Dagegen sind die großen internationalen Wintersportverbände (FIS/Ski und Snowboard, IBU/Biathlon, IIHF/Eishockey, ISU/Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Short-Track, FIL/Kunstbahnrodeln, IBFS/Bob und Skeleton, WCF/Curling), und sie führen in ihrem schreiben vom vorigen November/siehe unten gewichtige Gründe an.
- Es geht um den Schutz der „Winter‑Identität“: Die Wintersportverbände sehen die Winterspiele als Feier von Sportarten, die auf Schnee und Eis stattfinden; das sei ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal.
- Es geht auch um die Ablehnung von „piecemeal“-Vorschlägen: Sie kritisieren, einzelne Disziplinen aus dem Sommerprogramm einfach hinzuzufügen, statt das Winter‑Programm gezielt weiter zu entwickeln.
- Zudem gibt es Bedenken zu Logistik, Programmgröße und Athletenkontingenten: Diese Punkte werden in der Debatte häufig genannt, und die Wintersportverbände betonen deshalb, Innovationen sollten innerhalb der Wintersportfamilie gesucht werden.
Dagegen gehalten kann werden, dass die Aufnahme von Trailrunning (oder Cross-Country Running oder Alpine Running), eventuell zugleich mit Cyclocross, die Teilnahme von Ländern verstärken würde, die bislang kaum bei Olympischen Winterspielen in Erscheinung getreten sind.
Sportler und Sportlerinnen aus afrikanischen Nationen könnten im Trailrunning eine größere und prominentere Rolle spielen, wenn es um Siege und Medaillen geht. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry aus Simbabwe, die eine Arbeitsgruppe mit dem Titel „Fit for the Future“ eingesetzt hat, dürfte dieser Idee nicht ganz abgeneigt sein.
Der Weg ist noch weit
Insider beziffern die Chance, dass Trailrunning 2030 olympischer Sport sein wird, bei 30, 35 Prozent. Zwar ist das Council von World Athletics in Torun wegweisend – aber nicht alles entscheidend. Relevant für den internationalen Fachverband ist, weiterhin die Führungsrolle in der Diskussion um den Olympiastatus von Trailrunning zu haben. Das IOC fordert einen offiziellen Weltverband, und World Athletics positioniert sich als federführendes Organ. Die International Trail Running Association (ITRA) und die World Mountain Running Association (WMRA) mögen unterstützend wirken, groß mitzureden haben sie aber nicht.
Um Trailrunning die Tür zu den French Alps 2030 zu öffnen, müsste die Olympische Charta umgeschrieben werden.
Rule 6.2 der Olympischen Charta:
„The Olympic Games consist of the Games of the Olympiad and the Olympic Winter Games. Only those sports which are practised on snow or ice are considered as winter sports.“
Die Olympische Charta legt fest, dass „Winter‑Sportarten“ jene sind, die auf Schnee oder Eis ausgeübt werden. Das heißt: Soll Trailrunning als normale Winter‑Sportart in die Olympischen Winterspiele aufgenommen werden (wenn es nicht überwiegend auf Schnee/Eis stattfindet), wäre dafür formell eine Änderung der Charta nötig oder zumindest eine ausdrückliche Ausnahme/Entscheidung der IOC‑Organe.
Die Aufnahme von Sportarten in das Programm wird von den zuständigen IOC‑Organen geregelt: die Session (Vollversammlung) nimmt das Programm an bzw. entscheidet über Aufnahme von Sportarten; das IOC‑Exekutivkomitee/Board bereitet Vorschläge vor. Für die Games of the Olympiad (Sommer) wie für die Winterspiele gibt es ein „Core + additional sports“-System und Verfahrensregeln. Fristen für Entscheidungen sind in den Bye-Laws festgelegt (z. B. Beschluss über Aufnahme einer Sportart „not later than at the Session electing the host city“, Disziplinen/Events durch das Executive Board spätestens drei Jahre vor Eröffnungsdatum).
Die Charta erlaubt, dass die Session auf Vorschlag des Executive Board zusätzliche Sportarten für eine bestimmte Austragung wählen kann. Für die Winterspiele gilt ein entsprechendes Verfahren („the procedure to be followed will be the same, mutatis mutandis“). Das bedeutet: ein Host und das IOC könnten prinzipiell eine zusätzliche Disziplin vorschlagen — aber das läuft gegen die klare Definition von „Winter‑sport“, wenn die Disziplin nicht auf Schnee/Eis basiert.
Änderungen der Olympischen Charta werden von der IOC‑Session beschlossen; die Session hat die Befugnis „to adopt or amend the Olympic Charter“. Um die formale Definition von Winter‑Sport (oder verwandte Bye‑Laws) zu ändern, müsste also die Session zustimmen.
Wenn Trailrunning somit als klassisch „nicht auf Schnee/Eis“ verstanden wird, ist die formale Hürde hoch: entweder die Charta/Bye‑Law ändern (Entscheidung der IOC‑Session) oder das IOC bzw. das Organisationskomitee müsste eine explizite Ausnahme für eine bestimmte Austragung durchsetzen (ebenfalls Session/Executive Board‑Verfahren). Praktisch ist letzteres möglich (Hosts können zusätzliche Sportarten vorschlagen), aber rechtlich steht die ausdrückliche Definition in der Charta dem entgegen und würde beim dauerhaften Verlegen in die Winterspiele eine Änderung erfordern.
Sollte die IOC-Charta für Trailrunning (und gleichzeitig evtl. für Cyclocross) geändert werden, dann wären Tür und Tor geöffnet: für Fechten, Ringen, Judo, Handball, Basketball, Volleyball, usw. bei den Winterspielen. Wer traut sich da drüber?!
Also wird es mit dem Olympiastatus, wenn überhaupt, doch erst 2032 was? Trailrunning wurde für die Olympischen Spiele in Brisbane noch nicht in die engere Auswahl aufgenommen. Es läuft eine Kampagne mit dem Namen TR2032 (https://trailrunning.org.au/), deren Macher würden sich wünschen, dass der Sport in diesem Jahr „shortlisted“ wird. Immerhin ist Salomon seit vorigem Herbst als globaler Unterstützer der Kampagne mit an Bord, dies ersetzt allerdings nicht einen IOC-Beschluss.
Zurück nach Torun
Die 26 Männer und Frauen des World Athletics Council müssen entscheiden, welches Paket dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vorgelegt wird. Dabei spielen zwei Faktoren eine besondere Rolle.
- TV-Tauglichkeit: Formate wie der Vertical oder kürzere Rundkurse sind für Broadcaster deutlich einfacher zu produzieren als Ultratrails über 80 und mehr km.
- Infrastruktur: Und diese findet sich sowohl in Nizza 2030 als auch in Brisbane 2032; mit den Glass House Mountains und dem Hinterland der Gold Coast böte sich ein ideales Gelände für diese Disziplinen in Australien.
Trailrunning verdient einen Platz in den Olympischen Spielen, soviel ist klar. Wann das sein wird, wie der Weg dorthin sein wird, wie das Format sein wird sind indes allesamt Fragen, die auf Antworten harren.
