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    „Wenn Cross-Country olympisch würde, wäre es das Beste für Trailrunning“

    „Ich unterstütze die Idee, Trailrunning in die Olympischen Spiele aufzunehmen – vorausgesetzt, das Format bleibt der Identität und den Kernwerten unseres Sports treu.“ Grégory Vollet, Gründer der Golden Trail World Series, im Gespräch beim Ledro Sky Trentino – über Olympia, TV-Sichtbarkeit und das Modell, das UTMB nicht kopieren kann.

    Text: Egon Theiner
    Bilder: GTWS/KOASTAL FOREST, GTWS/RISING STORY

    Die Autogrammstunde am Vorabend des Rennens ist gerade, im wahrsten Sinne des Wortes, über die Bühne gegangen. Pieve di Ledro liegt idyllisch am Ledrosee, im Rücken den Senter de le Greste – jenen legendären Grat, der Cima Parì, Cima Sclapa und Cima d’Oro verbindet und der dem Rennen seinen Charakter gibt. Grégory Vollet sitzt auf einem Sessel in der Mixed Zone, gelassen und zufrieden, alles ist gut gegangen. Wer ihn nicht kennt, würde ihn vielleicht für einen ehemaligen Sportler – der er ja auch ist –, einen Volunteer oder einen einfachen Zuschauer halten. Doch mag Vollet auch als unscheinbarer Pragmatiker wirken, so ist er doch einer der ganz Großen im internationalen Trailrunning, an der Schnittstelle genau dort, wo es interessant und wichtig wird: wenn sich Sport und Business treffen, wenn es nicht nur um Ruhm und Ehre, sondern auch um Macht und Moneten geht.

    Vollet ist konzentriert beim Gespräch. Er wählt seine Worte mit Bedacht, wiegt den Kopf hin und her, bevor er antwortet. Nichts ist bei ihm spontan – und doch wirkt er nicht berechnend. Er denkt laut, aber kontrolliert. Der Mann ist der Gründer der Golden Trail World Series. Er hat sie nicht nur gegründet – er hat sie gedacht, bevor es sie gab. Seit 2015 hat er an ihr gearbeitet, 2018 fand die erste Edition statt. Er kam vom professionellen Mountainbiking, wurde Athletenmanager bei Salomon, und baute dann etwas auf, das inzwischen mit Warner Bros. Discovery einen der größten Sportmedienkonzerne der Welt als Partner hat.

    Das Modell, das alles erklärt

    Wer verstehen will, was die GTWS von anderen Serien unterscheidet, muss verstehen wie sie finanziert wird. Veranstalter zahlen nicht für das Recht, ein GTWS-Rennen auszurichten – sie, bzw. die dahinterstehenden Tourismus-Organisationen, kaufen TV-Sichtbarkeit. Der Ledro Sky Trentino lief in 72 Ländern und 23 Sprachen. Acht Kameraläufer, vier Mountainbiker und drei Drohnen sorgten für eine totale Abdeckung des Rennens auf diesem wunderbaren Trail. Aber das ist nur der Anfang. In den Vereinbarungen mit Warner Bros. Discovery ist festgehalten, dass Garda Trentino Turismo das ganze Jahr über Werbung schalten kann – nicht nur während des Rennens, sondern wann immer es will. Auch während der Tour de France.

    „Wir verkaufen Sichtbarkeit“, sagt Vollet. „Und das ist etwas, das UTMB nicht in der Lage ist, so zu tun wie wir es tun.“ Er sagt es ohne Arroganz – als Feststellung, nicht als Angriff. Die Kosten einer Veranstaltung und vor allem ihre Deckung seien entscheidend, sagt er. Die Regionen müssten dabei sein – aber auf eine Art, die für beide Seiten funktioniert. Bei einem 100-Meilen-Rennen durch die Nacht, fügt er hinzu, wäre diese Art der TV-Abdeckung schlicht nicht möglich.

    Das ist ein fundamental anderes Modell als jenes von UTMB, wo Städte Beschaffungsverträge unterzeichnen und Millionenbeträge überweisen. Bei der GTWS kaufen Regionen Medienreichweite – und bekommen dafür ein Produkt, das das ganze Jahr sichtbar ist.

    Die neuen Segmente – mehr Athleten im Rampenlicht

    Die GTWS sind eine der treibenden Kräfte hinter dem Wachstum und der Professionalisierung des Trailrunnings und entwickelt sich kontinuierlich weiter, um mehr Athleten die Möglichkeit zu geben, ihr Talent zu zeigen, Sponsoren anzuziehen und nachhaltige Karrieren im Sport aufzubauen. Deswegen wurde in den GTWS 2026 das Format weiterentwickelt. Neu sind drei separate Segmente pro Rennen – Uphill, Downhill und Sprint – mit eigenen Rankings und Bonuspunkten. Die Top 5 jedes Segments erhalten Punkte, die in die Gesamtwertung einfließen.

    Vollet erklärt die Idee mit einem konkreten Beispiel aus Zegama-Aizkorri: Damian Bogdan aus Rumänien gewann das Downhill-Segment und wurde in der Gesamtwertung Zwanzigster. Er stand trotzdem im Rampenlicht. Sein Sponsor Kailas Fuga wurde gesehen. Seine Geschichte wurde erzählt. Beim Ledro Sky Trentino, dem nächsten Rennen der Serie, wiederholte Bogdan diesen Erfolg und gewann das Downhill-Segment erneut. Er ist ein Spezialist, der seinen Raum gefunden hat – genau das, was Vollet meint. „Es gibt zusätzliche Athleten, die im Mittelpunkt stehen, die auf dem Podest stehen, die ihren Sponsor promoten können“, sagt er. „Das sind nicht nur die Gewinner. Es sind auch die Spezialisten.“

    Man erkennt sofort die Analogie zum Radsport – wo Bergwertungen, Sprintwertungen und Gesamtwertung seit Jahrzehnten dafür sorgen, dass nicht nur der Gesamtsieger eine Geschichte hat. Vollet hat diesen Mechanismus ins Trailrunning übertragen.

    Olympia – die Positionsveränderung

    Und dann kommt der Moment, der das Interview definiert.

    Trailrunning bei den Olympischen Winterspielen 2030 in den Französischen Alpen ist offiziell vom Tisch. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat es klar gemacht: keine Crossover-Sportarten, keine Sommersportarten. Nur Schnee und Eis. Vollet überrascht mit seiner Reaktion. Er ist nicht enttäuscht. Er ist erleichtert – mit einer Nuance. „Trailrunning ist kein Wintersport“, sagt er. „Und somit ist es auch nicht ideal, es bei Olympischen Winterspielen zu haben.“ Dann geht er weiter: „Trailrunning wird nicht zu den Olympischen Spielen gehen, ohne den Geist und die Philosophie des Trailrunnings zu zerstören.“

    Aber dann kommt die Nuance.

    Vollet war früher absolut: No Olympics. No Olympics. No Olympics. Heute ist er differenzierter. „Ich habe meinen Zugang geändert“, sagt er. „Es geht um den Sport.“ Wenn Trailrunning olympisch wird – und er betont das Wenn – dann vielleicht in einem Flower-Format wie er es bei der GTWS entwickelt hat. Mehrere Runden, ein zentraler Punkt, totale Sichtbarkeit. Beim Golfo dell’Isola ließ er fünf verschiedene Schleifen laufen, die sich in der Mitte trafen. Jeder Kilometer ist anders, aber die Kameras können das gesamte Rennen erfassen. In Japan – beim Kobe Trail – hat es noch besser funktioniert, weil Start und Ziel auf dem höchsten Punkt eines Berges lagen. „Athleten, Broadcaster und Fans waren happy damit“, sagt Vollet.

    GREG VOLLET IM O-TON

    Ich habe meine Denkweise über Trailrunning und die Olympischen Spiele weiterentwickelt. Heute bin ich der Meinung, dass das Format, sollte Trailrunning jemals in das olympische Programm aufgenommen werden, dem Wesen unseres Sports treu bleiben muss.

    Ein olympisches Trailrennen sollte sich ausreichend von einem Crosslauf unterscheiden, sodass nicht einfach dieselben Athleten um dieselben Medaillen kämpfen. Der Kurs muss genug Höhenmeter, technisches Gelände und bergspezifische Herausforderungen beinhalten, um die Werte und Fähigkeiten, die Trailrunning ausmachen, wirklich widerzuspiegeln.

    Trailrunning ist nicht nur schnelles Laufen – es geht darum, Anstiege und Abstiege zu bewältigen, sich an technisches Gelände anzupassen, Entscheidungen im Gebirge zu treffen und Ausdauer mit technischer Kompetenz zu verbinden. Wenn ein olympisches Format diese Eigenschaften eliminiert, würde es Trailrunning, wie wir es kennen, nicht mehr repräsentieren.

    Die Herausforderung besteht daher darin, ein Format zu finden, das für Broadcaster und Zuschauer zugänglich ist und gleichzeitig anspruchsvoll genug bleibt, um die Identität, den Geist und die einzigartigen Merkmale unseres Sports zu bewahren.

    Aber selbst die „Flower“-Läufe, die er in den GTWS etabliert, sagt Vollet, würden wohl immer noch zu lang sein für die grüßte Sportbühne der Welt. Bei Olympischen Spielen wird man irgendetwas suchen, das in einer Stunde abgehandelt werden kann. Was dabei entsteht, wäre kein Trailrunning mehr – es wäre wohl sehr nahe am Cross-Country. Und die besten Trailläufer der Welt würden nicht ganz vorne dabei sein.

    Vollet verweist auf Skibergsteigen bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Milano-Cortina. Auch dort werde nun ein Schritt zurückgemacht, von einem „ausgedachten“ Sprint-Rennen zurück zu einem klassischeren Format für die nächsten Spiele. „Und wenn das so ist, dann hoffe ich, dass man auch für Trailrunning zweimal nachdenkt, welches Format man nimmt.“

    Und dann sagt der Franzose den Satz, der alles zusammenfasst: „Wenn Cross-Country olympisch würde, wäre es das Beste für Trailrunning.“ Denn dann hätten die Sportler, die dabei sein würden wollen, ihre olympische Bühne, der Sport selber würde aber, weil namentlich nicht genannt, keinen Schaden nehmen.

    Es ist kein Nein mehr. Aber es ist auch kein Ja. Es ist die Haltung eines Mannes, der seinen Sport liebt und weiß, was er verlieren könnte.

    GTWS vs. UTMB – kein Vergleich, kein Konflikt

    Vollet sieht die Golden Trail World Series nicht in Konkurrenz zu anderen. „Meiner Meinung nach gibt es zu viele Serien, die man nicht miteinander vergleichen kann“, sagt er. Die GTWS hat sich auf ein bestimmtes Distanz-Segment festgelegt – zwischen 21 und 42 Kilometer – und sie will die Besten der Besten dort laufen sehen. „Wir können mit diesen Athleten das ganze Jahr lang Content produzieren und Storys erzählen“, sagt Vollet, und fügt an: „Ich respektiere UTMB voll und ganz. Sie sind mehr spezialisiert auf die Ultradistanzen. Aber ich sehe uns nicht in Konkurrenz mit ihnen. Wir alle haben unseren Raum.“ Es sei Platz da für die kürzeren Wettbewerbe der World Mountain Running Association, ebenso wie für die höchst technischen Skyrunning-Events.

    Die Serie, die wächst

    Die GTWS 2026 umfasst sieben Rennen auf drei Kontinenten, plus dem Grand Finale in Muju, Südkorea. Erstmals ist Kanada dabei, der Quebec Mega Trail in Beaupré am 5. Juli markiert das erste GTWS-Rennen auf kanadischem Boden überhaupt. Für 2027 sind zwei Rennen in Nordamerika geplant. Die historischen Rennen bleiben: Zegama-Aizkorri. Sierre-Zinal. Und Ledro Sky, sagt Vollet, habe die Chance, eines dieser ikonischen Rennen zu werden. Die Region, die Natur, die Freundlichkeit der Menschen – alles stimmt.

    Vollet schaut auf das Tal, das in 72 Länder übertragen wird. Er wirkt wie jemand, der weiß, dass der Plan funktioniert. Nicht laut, nicht triumphierend. Einfach nur zufrieden.

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