Hannes Namberger ist Deutschlands bester Ultratrailläufer. Vier Siege beim Lavaredo Ultra Trail, ein neuer Streckenrekord, ein UTMB-Index von über 900 sind Fakten, die für sich sprechen. Aber wer Namberger verstehen will, muss nicht auf die Ergebnislisten schauen – sondern auf den Laufrucksack.
Text: Egon Theiner
Bilder: Lavaredo Ultra Trail by UTMB/Camilla Pizzini
Inzell, zwei Tage nach dem Lavaredo Ultra Trail 2026. Hannes Namberger ist wieder daheim im Chiemgau. Vier Finger hat er in Cortina in die Höhe gestreckt – für vier Starts, vier Siege, drei davon mit Streckenrekord. Jetzt sitzt er zuhause und redet … über einen Rucksack. Jenen aus der neuen DYNAFIT-Kollektion, der nicht passte – nicht, weil er schlecht war, sondern weil einfach ein paar kleine Details nicht stimmten. Also lief er mit dem alten. „Ich muss mich wohlfühlen“, sagt er. „Es bringt nichts, mit neuem Material zu laufen, wenn ich nicht zu hundert Prozent zufrieden bin.“ Eine kurze Pause. „Ich bin beim Sport und speziell beim Material präzise und fanatisch. Das war schon immer so. Seit ich sechzehn bin.“
Dieser Satz ist einer der Schlüssel zu den Erfolgen des Spitzensportlers, und einer zu Hannes Namberger selbst. Auch das sagt er nämlich: „Ich bin nicht in all meinen Lebensbereichen detailverliebt und präzise…“
Der Mann aus dem Chiemgau
Geboren 1989 in Ruhpolding, aufgewachsen in den Bergen, zuerst auf zwei Skiern. Alpine Ski-Rennkarriere – bis 2011 eine Verletzung alles beendet. Was dann kam, war eine Entdeckung. Trailrunning. Berge nicht mehr als Kulisse für Geschwindigkeit, sondern als Terrain für etwas Tieferes. Seit 2018 läuft er für DYNAFIT, seit Jahren gehört er zur Weltspitze im Ultra-Trailrunning. Sein UTMB-Index liegt bei über 900. Er arbeitet noch in Teilzeit als Polizist. Er ist Ehemann, Vater eines Sohnes, lebt mit seiner Familie dort, wo er groß geworden ist.
Wer Namberger auf einem Rennen trifft oder nach einem Interview beobachtet, bemerkt schnell: hier war kein Mediencoach am Werk. Kein geframtes Wording, kein abgesicherter Satz. „Im Trailrunning gibt es sicher noch Luft nach oben, was Kommunikationsberater betrifft“, hat er einmal gesagt – und dabei gelacht. Er meinte es als Kompliment an sich selbst. Denn was er sagt, meint er. Und was er meint, sagt er.
Lavaredo – vier Mal, und das letzte Mal am schnellsten
Vier Starts beim La Sportiva Lavaredo Ultra Trail by UTMB sind es seit dem Juni 2026 – und aus vier Teilnahmen ergaben sich vier Siege. Der letzte bedeutete in 11:45:31 Stunden wieder einmal neuen Streckenrekord, rund vier Minuten schneller als alles was vorher war über diese 120 Kilometer und ihre 5.800 Höhenmeter. „Dieses Rennen setzt bei mir Kräfte frei – körperlich und mental“, sagt Namberger. „Die Strecke funktioniert für meine Laufkünste sehr gut. Die Distanz, die Abwechslung zwischen Laufen und steilem Gelände, diese Kombination passt zu mir. Ich habe dort immer gute Erfahrungen gemacht, hatte gute Gedanken und eine gute Laune.“
Beim letzten Lavaredo liefen drei Männer lange gemeinsam an der Spitze. Namberger, Andreas Reiterer, Tobias Geiser. Drei Freunde, drei Konkurrenten gleichermaßen. „Wir sind Freunde mit gleichen Zielen, gleichen Hobbys, wir denken ähnlich“, sagt Namberger. „Das macht es im Rennen geil und herausfordernd. Wir wissen, wo die Stärken und Schwächen des anderen liegen. Aber jeder wollte an diesem Tag gewinnen. Keiner hat dem anderen auch nur indirekt etwas gegönnt.“
Reiterer versuchte am Berg wegzukommen. Namberger ließ ihn kaum ziehen – dennoch lief er sein eigenes Rennen, aber er beobachtete und kalkulierte. „Ab Kilometer 100 hatte ich noch etwas drauf – die anderen waren eher ‚angeschossen‘.“ Der lange Downhill zurück nach Cortina war sein Terrain. Was danach geschah, gehört zu den bewegendsten Momenten der Lavaredo-Geschichte: Namberger siegt solo, zeigt mit den Fingern einer Hand eine „vier“. Dahinter liefen Reiterer und Geiser gemeinsam ins Ziel, teilten sich den zweiten Platz. Freundschaft und Rivalität – in einem einzigen Bild.

Detailtreue, Präzision, Fanatismus als System
Der Rucksack war kein Einzelfall. Er ist ein Symbol.
Namberger hat seine Ernährung neu aufgestellt – mit einer kleinen Münchner Firma namens Pacemaker. Zwei Mann, einer davon Apotheker, stellen Getränkepulver auf natürlicher Basis her. „Ich möchte dort hingehen, wo ich die Leute gut kenne und die mit Herzblut dabei sind“, sagt er. „Ich möchte mit einer Ernährungsfirma zusammenarbeiten, die etwas Natürliches herstellt und keine gestreckten, unreinen Produkte.“ Dazu vertraut er dem Onlineshop sporthunger.de für Gels, Riegel und alles andere. „Ich möchte nicht mehr auf eine einzige Marke beschränkt sein.“ High Carb von Anfang bis Ende – das ist seine Überzeugung. „Das macht das Rennen erfolgreich und schnell. Und dann am Ende des Tages ist es ein schöner Tag.“
Das Training läuft über Two Peaks Endurance. KI-basierten Trainingsplänen mag Namberger nicht die Berechtigung absprechen, aber es seien Pläne, die als Grundlage gut zu gebrauchen seien. „Ein Mensch braucht einen Menschen“, sagt Namberger. „Eine KI kann ergänzen, begleiten, aber nie ersetzen. Mit einem Trainer kannst du über den Sport hinaus kommunizieren, Rechenschaft ablegen, gemeinsam einen Weg gehen.“ Beim Lavaredo war sein Trainer vor Ort. „Ich konnte mich auf ihn verlassen. Er wusste, welche Informationen er mir geben musste.“

Der nächste Berg
Der UTMB in Chamonix steht an – eines der härtesten und begehrtesten Rennen der Welt. Namberger weiß, was ihn erwartet. „Es ist eine Woche, die so viel Kraft nimmt, weil jeder etwas von dir will, und gleichzeitig auch so viel Kraft gibt, weil du mit Aufmerksamkeit und Liebe belohnt wirst für all das, was du im Laufe des Jahres gemacht hast, für all die harten Trainings, durch die du gegangen bist. Von allen Top-Athleten werden vielleicht zehn ein erfolgreiches Rennen haben – die anderen nicht. So ist der UTMB für einen männlichen Spitzenathleten. Wenn die Top Ten innerhalb von zehn Minuten liegen und ich Zehnter bin, werde ich zufrieden sein.“ Es ist eine Aussage, die Bescheidenheit und Ehrgeiz gleichzeitig in sich trägt. „Es geht immer noch um die eigene Leistung, darum, alles aus sich herauszuholen. Wenn dies gelingt, ist schon vieles gewonnen. Und am Ende steht dann eine Platzierung in der Ergebnisliste.“
Und danach? Der Lavaredo wird nicht davonlaufen. Der Hardrock 100 auch nicht. Die Diagonale des Fous ebenfalls nicht. Namberger träumt von den vier großen 100-Meilen-Rennen – UTMB, Western States, Hardrock, Diagonale. Bis jetzt hat er zwei davon gemacht. Die anderen warten. „Irgendwann werde ich sie auch bestreiten.“
Wie lange noch? Es ist die Frage, die er sich selbst stellt. Nicht mit Sorge oder gar Zukunftsängsten – sondern mit der ihm eigenen Ehrlichkeit. Sicher noch drei Jahre, sagt er. Vielleicht weniger. Vielleicht mehr. Klar sind für Deutschlands Star drei Faktoren: „Erstens: Es macht Spaß und es funktioniert noch. Zweitens: Ich weiß nicht, was ich sonst machen würde.“ Er muss kurz lachen, ehe er fortfährt: „Drittens: Ich finde es noch sehr geil.“ Die Zeit ist wohl nicht der limitierende Faktor. Die Prioritäten sind es. „Für meinen Sohn mehr da sein. Die Familie unterstützt mich sehr, damit meine Sportlerlaufbahn funktioniert.“
Der Typ auf YouTube
DYNAFIT-Athlet Namberger will mehr sein als ein Name auf der Ergebnisliste eines Rennens. Er ist nahbar, sichtbar, echt. „Da sieht man so viel Scheiß in der Trailrunning-Bubble“, sagt er ohne Umschweife. „Und wenn ich nun ein Projekt auf YouTube verfolge, dann nicht, weil ich mich wichtigmachen muss. Ich will darstellen, was wirklich ist. Einerseits ist Trailrunning der geilste Sport, den man sich vorstellen kann – nahbar, echt, einfach. Andererseits gibt es jene, die all das, was mit Trailrunning zu tun hat, überzeichnen: Alles ist so schwierig und kompliziert und mühsam. Ich will zeigen, dass Sport nicht immer anstrengend, nicht immer Druck ist.“ Die Klicks könnten besser sein, gibt er zu. „Für meine Beiträge brauchst du Zeit und nicht nur zehn Sekunden wie auf Instagram.“
„Spitzenathleten haben es einfacher“, sagt Namberger. „Das Umfeld ist geschaffen, um Leistung zu erbringen. Aber alles unter einem Hut zu bekommen – das ist die eigentliche Leistung.“ Und so bewundert er Mütter und Eliteläuferinnen wie Judith Wyder und Daniela Oemus – echte Charaktere, wie er sagt.
Der Rucksack
Am Ende kommt man immer wieder zum Laufrucksack. Zum alten, der zu hundert Prozent passte wie eine zweite Haut. Und zum neuen, der noch nicht ganz passt. Hannes Namberger ist präzise, fanatisch und erfolgreich. Und nicht nur irgendwie, sondern ganz besonders auch einfach ein guter Kerl. Einer, der seinen Sohn sehen will, wenn er ins Ziel kommt. Einer, der weiß, dass die Familie wichtiger ist als das, was er tut und gewinnt. Einer, der noch nicht am Ende ist – aber schon darüber nachdenkt, wie das Ende aussehen könnte.

