Ein Podium, das zum Symbol wurde. Ein Bruder, der dem anderen den Vortritt ließ. Und eine Geschichte, die nach einem Jahrzehnt noch immer Gänsehaut macht.
Text: trailrunningworld.net
Quelle, Bilder: corsainmontagna.it
Zehn Jahre. Genau heute, am 2. Juli 2026, jährt sich zum zehnten Mal jener Moment bei der Europameisterschaft im Berglauf in Arco, der weit über Sport hinausging – und der bis heute nachwirkt.
Es war eine EM, die den italienischen Gastgebern zehn Medaillen bescherte: Teamtitel und Einzelerfolge, Junioren und Elite, Männer und Frauen. Eine Generation, die damals aufbrach, um die Szene bis heute mitzuprägen – mit Namen wie Davide Magnini, Daniel Pattis, Andrea Rostan und Samuele Nava unter den Junioren. Nava, der traurigerweise erst vor wenigen Wochen bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.
Aber dieser Tag gehörte vor allem ihnen – den Zwillingen Dematteis. Bernard und Martin. Oder Martin und Bernard – je nachdem, welche Erinnerung man zuerst aufruft.
Das Rennen
Über zwölf Kilometer durch die Altstadt und vorbei an der Burg von Arco dominierten die damals dreißigjährigen Geschwister aus Rore in der Provinz Cuneo im Piemont den Wettbewerb von Beginn an. Selbst Ahmet Arslan aus der Türkei – sechsfacher Champion und deklarierter Favorit – hatte keine Antwort. Bernard lief weg, baute einen Vorsprung von rund zwanzig Sekunden auf. Der Sieg schien sicher.
Doch dann verlangsamte er. Martin holte auf. Und in jenem Moment, als die Zwillinge gemeinsam in die Zielgerade einbogen, geschah etwas, das Andrea Bongiovanni für die Gazzetta dello Sport so beschrieb: Das Publikum reichte eine „Trikolore“ herein. Bernard – auch Mannschaftskapitän – ergriff sie. Die Logik sagte: Der Titel gehört ihm. Aber hier war kein Platz für Logik. Martin hatte kurz zuvor, etwas mehr als ein Jahr vor diesem Rennen, das Schwerste erlebt, was einem Vater passieren kann: Der Tod seines Sohnes Matteo, elf Monate alt. Keine Worte können die Trauer beschreiben. Bernard wusste das. Und so trat er zurück und ließ seinen Bruder als Ersten die Ziellinie überqueren.
„Wenn mein Bruder mich schlägt, bin ich genauso glücklich. Wenn ich ihn schlage, ist er es auch“, hatte Bernard am Vorabend gesagt. An diesem Tag machte er diese Worte wahr.
Was noch bleibt
Es wäre unvollständig, diesen Jahrestag zu begehen, ohne einen weiteren Namen zu nennen: Franco Travaglia. Er war der Vater der organisatorischen Vision hinter dem Europameisterschaft von Arco – jener Mann, der auf über dreißig Fixkameras für die Liveübertragung setzte und damit die Art, wie Berglauf erzählt werden kann, grundlegend veränderte. Travaglia starb nur ein Jahr nach diesem wunderbaren Europameisterschaft. Dieses Gedenken gilt auch ihm.
Zehn Jahre danach verblassen die Erinnerungen nicht. Manchmal braucht es nur eine Jahreszahl, um sie wieder lebendig werden zu lassen.

