Text: Egon Theiner/Amazfit
Bilder: Amazfit
Ruth Croft, bist die erste Frau der Welt, die OCC, CCC und UTMB gewonnen hat – OCC 2018 und 2019, CCC 2015, UTMB 2025. Ehrlich gefragt: War dieses Triple jemals ein Plan, oder hat es sich einfach über ein Jahrzehnt so ergeben?
Ehrlich gesagt war es nie wirklich mein Ziel, als erste Frau alle drei Rennen zu gewinnen. Ich habe mir immer einfach Läufe ausgesucht, für die ich wirklich brenne, und mit der Zeit hat sich das ziemlich organisch so ergeben. Chamonix ist für mich etwas Besonderes, weil ich dort 2015 zum ersten Mal beim CCC an den Start ging – das war, wie ich finde, wirklich der Beginn meiner Trailrunning-Karriere, vor allem in Europa.
Was die Frage angeht, welcher Sieg mich als Läuferin am besten repräsentiert: Ich glaube, sie stehen alle für unterschiedliche Versionen von mir zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Wir entwickeln uns als Athletinnen und als Menschen ständig weiter. Die Läuferin, die 2015 den CCC gewann, war eine andere als die, die den OCC gewann, und selbst die Person, die ich heute bin, ist eine andere als die, die letztes Jahr, 2025, den UTMB gewonnen hat. Jeder Sieg steht für ein eigenes Kapitel meiner Karriere.
Du bist in Greymouth an der Westküste Neuseelands aufgewachsen – einem der abgelegensten Orte der Welt. Was hat dich von dort in die Berge von Chamonix gebracht? Wie bist du aufgewachsen, und wie hast du zum Trailrunning gefunden?
Ich hatte, würde ich sagen, eine ziemlich typische Kiwi-Kindheit. Ich habe so ziemlich jede Sportart ausprobiert, und draußen zu sein war einfach Teil des Alltags. Als Familie waren wir oft beim „Tramping“ unterwegs, so heißt in Neuseeland das mehrtägige Wandern. Wir trugen alles auf dem Rücken, übernachteten in einfachen Berghütten und verbrachten Tage in ziemlich rauem Gelände. Rückblickend war ich also lange auf Trails unterwegs, bevor ich überhaupt wusste, dass Trailrunning tatsächlich ein Sport ist.
Mein erstes offizielles Trailrennen war der TNF 50K in Taipeh. Eigentlich wollte ich die 15-km-Distanz laufen, aber ich war gerade erst nach Taiwan gezogen und sprach und las kein Mandarin – bis ich also eine Freundin gefunden hatte, die mir bei der Anmeldung half, war die kurze Distanz schon ausgebucht. Für die 50 km gab es noch Plätze.
Was Chamonix angeht: Ich bin nie dauerhaft dorthin gezogen. Damals lebte ich in Taipeh, unterrichtete Englisch und kam für Rennen nach Europa, bevor ich wieder nach Taiwan zurückflog. 2017 zog ich dann zurück nach Neuseeland, und seitdem teile ich meine Zeit zwischen Neuseeland und Europa auf.
Du hast Ernährungswissenschaften studiert und arbeitest als Ernährungsberaterin. Wie stark beeinflusst dieser Hintergrund deine Wettkampfvorbereitung – und gibt es einen Ernährungstipp, den du wirklich jedem Ultraläufer mitgeben würdest?
Tatsächlich studiere ich Naturheilkunde, nicht Ernährungswissenschaften, und ich arbeite nicht als Ernährungsberaterin. Ernährung ist aber ein großer Bestandteil meines Studiums.
Für mich ist eine gute allgemeine Gesundheit das Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Wenn du eine solide gesundheitliche Basis hast, verträgst du dein Trainingspensum besser, erholst dich besser davon und hast hoffentlich weniger Unterbrechungen durch Krankheit oder Verletzung. Das erlaubt dir, konstanter zu trainieren – und genau diese Konstanz ist es, wie gesagt, die letztlich zur Verbesserung führt.
Im Rahmen meines Naturheilkunde-Studiums habe ich viel über Kräutermedizin und Nahrungsergänzung gelernt, und wie man sie sinnvoll einsetzen kann, um die allgemeine Gesundheit zu unterstützen, besonders in intensiveren Trainingsphasen.
Wenn ich Läuferinnen und Läufern aber einen einzigen Tipp mitgeben dürfte, dann wäre es, ein einfaches Blutbild in Absprache mit einer Ärztin oder einem Arzt machen zu lassen – vor allem, bevor man das Trainingsvolumen deutlich erhöht.

Amazfit
Du bist Global Ambassador für Amazfit. Was erwartest du eigentlich von einer Sportuhr auf einem langen Ultratrail – und wo hört Technologie auf zu helfen und fängt an zu stören?
Bei einem langen Ultra erwarte ich von meiner Uhr vor allem verlässliche Navigation – die Möglichkeit, eine GPX-Datei hochzuladen und der Route zu folgen, ist wirklich wichtig, besonders wenn ich die Strecke nicht vorher besichtigt habe. Wenn ich die Strecke nicht kenne, finde ich auch die Informationen zu den Anstiegen besonders nützlich – Steigung, verbleibende Distanz und so weiter, was meine Amazfit Cheetah 2 Ultra liefert.
Dann gibt es die Grundlagen, die ich während des ganzen Rennens brauche: Tempo, Herzfrequenz, Distanz und Höhenmeter.
Was den Punkt angeht, wann Technologie zur Ablenkung wird: Ich glaube, das hängt wirklich von der Person selbst ab. Es liegt nicht unbedingt an der Technologie selbst, sondern daran, wie man mit ihr umgeht. Für mich geht es darum, es einfach zu halten und mich nur auf die Daten zu konzentrieren, die mir während eines Rennens tatsächlich nützen.
Es gibt heute Dutzende Sportuhren auf dem Markt – alle mit GPS, alle mit Herzfrequenzmessung, alle mit Höhenmesser. Macht eine davon wirklich einen Unterschied – oder ist eine Sportuhr einfach eine Sportuhr?
Ich glaube, das kommt auf die einzelne Person an. Wir alle nutzen unsere Uhren unterschiedlich. Manche Menschen lieben es, jede einzelne Kennzahl zu analysieren, andere wollen einfach nur wissen, wohin sie unterwegs sind und wie lange sie schon draußen sind. Für mich sollte die Technologie mein Training, meine Rennen und meine Abenteuer unterstützen, ohne selbst zum Mittelpunkt zu werden. Genau das mag ich an Amazfit – sie gibt mir die Informationen, die ich brauche, steht dem Erlebnis selbst aber nie im Weg.
Welches Feature der Amazfit Cheetah 2 Ultra nutzt du im Training und im Rennen am meisten – und welches hättest du dir vor zehn Jahren gewünscht?
Das Hochladen einer GPX-Datei. Das ist besonders wertvoll, wenn ich irgendwo starte, wo ich vorher nicht die Möglichkeit hatte, die Strecke zu besichtigen. Die Route direkt verfügbar zu haben, dazu Informationen zu den größten Anstiegen wie Steigung und verbleibende Distanz.

WMTRC 2027
UTMB oder WMTRC – welcher Titel bedeutet dir persönlich mehr? Ein Sieg in Chamonix vor Zehntausenden, oder ein Weltmeistertitel in den Farben deines Landes?
Wenn ich ganz ehrlich bin, bedeutet mir persönlich ein UTMB-Sieg in Chamonix mehr. Trailrunning erhält von unserem nationalen Leichtathletikverband nicht den gleichen Rückhalt wie in manchen anderen Ländern. Neuseeland zu vertreten macht mich stolz, aber die Realität für neuseeländische Trailathletinnen und -athleten unterscheidet sich deutlich von der für Athletinnen und Athleten aus Ländern wie Frankreich, wo es ein viel stärkeres Unterstützungssystem rund um das Nationalteam gibt. Am Ende möchte ich vor allem die Partner vertreten, die mich das ganze Jahr über unterstützen und mir ermöglichen, diesen Sport professionell auszuüben.
Der Mensch hinter der Athletin
Du hast öffentlich über deine Bulimie gesprochen. Wie hat diese Reise deine Beziehung zu deinem Körper und zu Leistung verändert?
Letztlich hat mich diese Reise gelehrt, meinen Körper zu lieben und zu respektieren. Als ich mit Bulimie kämpfte, hatte ich das Gefühl, ständig gegen meinen Körper anzukämpfen, statt mit ihm zusammenzuarbeiten. Es war ein langer Weg, diese Beziehung zu verändern.
Heute begegne ich meinem Körper mit viel mehr Respekt dafür, was er mir ermöglicht – und ich möchte meine Gesundheit niemals für Leistung aufs Spiel setzen. Ich glaube, diese Haltung beeinflusst viele Entscheidungen, die ich als Athletin treffe, etwa nur einen 100-Meiler pro Jahr zu laufen und mir echte Erholungsphasen zu gönnen.
Für mich lassen sich Leistung und Gesundheit nicht voneinander trennen.
Du gehst jährlich auf ein Meditations-Retreat. Was gibt dir Meditation zusätzlich zu deiner Trainingsroutine?
Wenn ich mich auf ein großes Rennen vorbereite, wird mein Leben sehr strukturiert und diszipliniert, und ich kann ziemlich tunnelblickartig werden. Ein Meditations-Retreat erlaubt mir, komplett aus diesem Modus auszusteigen.
Menschen vergleichen Laufen, besonders Ultralaufen, oft mit Meditation, aber ich sehe das ziemlich unterschiedlich. Wenn du einen Ultra läufst, arbeitest du immer auf etwas hin. Es gibt ein Ziel. Du versuchst, in Bewegung zu bleiben, die nächste Verpflegungsstelle zu erreichen und letztlich ins Ziel zu kommen.
Bei der Meditation gibt es nirgendwo hinzukommen. Es geht einfach darum, zu sitzen und bei sich selbst zu sein, und genau diesen Kontrast schätze ich sehr.
Die meiste Zeit meines Lebens habe ich mich selbst durch Bewegung und durch Laufen kennengelernt. Meditation hat mir erlaubt, das auf eine völlig andere Weise zu erkunden – tiefere Schichten zu erreichen und mich selbst über das Sein statt über das ständige Tun zu verstehen.
Kommerzialisierung
Trailrunning hat sich innerhalb weniger Jahre von einer Nischenbewegung zu einem globalen Geschäft entwickelt – UTMB, GTWS, WMTRC, Skyrunning und vieles mehr. Verliert der Sport dabei etwas von dem, was ihn ursprünglich besonders gemacht hat – oder ist Wachstum das Beste, was ihm passieren konnte?
Manchmal schaue ich zurück, wie Trailrunning vor zehn Jahren war, und ertappe mich dabei, wie die grantige ältere Person zu klingen, die Veränderung nicht mag. Aber ich muss auch anerkennen, dass ich selbst enorm vom Wachstum und der Professionalisierung des Sports profitiert habe – ich kann mich also nicht wirklich beschweren.
Wachstum und Wandel sind unvermeidlich. Für mich ist wichtig, dass wir dabei nicht die Kultur verlieren, die Trailrunning ursprünglich besonders gemacht hat. Wenn ich zurückblicke: Die Leute haben sich selbst und den Sport nicht zu ernst genommen. Es gab ein echtes Gemeinschaftsgefühl, und vor allem hat es Spaß gemacht.
Ich glaube nicht, dass Professionalisierung bedeutet, dass wir das verlieren müssen. Letztlich liegt es an uns selbst, wie wir uns verhalten, wie wir miteinander umgehen und welche Kultur wir schaffen wollen. Der Sport kann weiterwachsen und trotzdem an diesen Werten festhalten – aber es liegt an den Menschen im Sport, dafür zu sorgen, dass das auch passiert.
Olympische Spiele
Trailrunning bei Olympischen Spielen – Traum oder Albtraum? Und wenn es passieren würde, welches Format würde dem Sport wirklich gerecht?
Es gibt so viele unterschiedliche Disziplinen innerhalb des Sports, die sich völlig unterschiedlich präsentieren können. Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie mein eigenes Verständnis von Trailrunning ganz ungezwungen in ein olympisches Umfeld passen würde.
Aber ich glaube auch, dass wir uns mit dem Thema Olympia zu weit vorwagen. Der Sport ist in den letzten zehn Jahren enorm gewachsen, aber es gibt immer noch grundlegende Bereiche – etwa konsistente Dopingkontrollen –, in denen wir noch einen langen Weg vor uns haben. Es müssen sich Strukturen und Standards parallel zur Professionalisierung des Sports entwickeln, bevor wir uns Gedanken darüber machen, ob Trailrunning zu Olympia gehört.
Wenn es aber passieren würde, glaube ich, dass Skyrunning episch sein könnte. Aus Zuschauer- und visueller Perspektive hat es sehr viel zu bieten. Die Rennen können relativ kurz und dynamisch sein, und das Gelände ist spektakulär. Ich finde auch, dass es viel von dem zeigt, was im Kern des Trailrunnings steckt: sich schnell durch technisches Berggelände zu bewegen.
Rat und Anregungen
Wenn du einer Frau, die Trailrunning von einer Leidenschaft zum Beruf machen möchte, einen einzigen Rat geben könntest – welcher wäre das?
Hol dir eine Trainerin oder einen Trainer. Wenn du jemanden Erfahrenen an deiner Seite hast, verbringst du weniger Zeit damit, dir Sorgen zu machen, ob du das Richtige tust, und mehr Zeit damit, den Prozess, eine bessere Trailläuferin zu werden, tatsächlich zu genießen.
Danke für das Gespräch und viel Erfolg dieser Tage beim UTMB 2027!

Dieses Interview kam mit freundlicher Unterstützung der Presseabteilung von Amazfit zustande.
