Die International Trail Running Assocation steckt in einer Lose-Lose-Situation. Und das ist ihr eigenes Werk.
Text: Egon Theiner
Bilder: Luís Fonseca / APERSPEED.COM
Es war ein schöner Gedanke. Wirklich.
Als die ITRA im November 2022 die National League ankündigte, klang es nach einer echten Antwort auf eine echte Frage. „Wir können damit beginnen, Kohlenstoffemissionen aus dem Trailrunning zu reduzieren“, schrieb die International Trail Running Association auf ihrer Website. „Alternativen sind möglich. Deshalb lancieren wir die ITRA National League.“ Das Ziel war klar: Läufer sollen dort laufen, wo sie leben – lokal, regional, nachhaltig. Kein Fliegen quer durch Europa für einen Startplatz, den man auch vor der Haustür bekommt.
Am 17. Oktober 2026 findet in Castanheira de Pera, Portugal das erste europäische National League Finale statt. Läufer aus ganz Europa – jene, die sich durch drei lokale Rennen in ihrer Heimat qualifiziert haben – reisen nach Portugal, um gegeneinander anzutreten. Für einen kontinentalen Titel. Auf einem 54-Kilometer-Kurs. Der Widerspruch liegt auf der Hand. Aber er geht tiefer als man auf den ersten Blick sieht. Denn die ITRA steckt hier in einer Lose-Lose-Situation – einer, die sie sich selbst gebaut hat, indem sie eine Sache nicht zu Ende gedacht hat.
Die Frage, die niemand gestellt hat
Was soll das europäische Finale überhaupt erreichen? Soll es der National League zusätzlichen Anreiz geben, damit mehr Läufer drei lokale Rennen bestreiten? Soll es die Serie bekannter machen? Soll es Sponsoren anziehen? Das sind legitime Ziele. Aber niemand scheint sich gefragt zu haben ob ein Finale in einer kleinen Stadt im Zentrum Portugals das richtige Instrument dafür ist – und was passiert, egal wie die Antwort ausfällt.
Denn das Unbehagen an diesem Finale beginnt bereits davor: Wer hat letztes Jahr die österreichische oder deutsche National League gewonnen? Die wenigsten werden es wissen – und dabei wären Namen wie Hans-Peter Innerhofer oder Hannes Namberger oder Isabell Speer oder Joanna Tallmann dabei. Wenn quasi niemand die nationalen Sieger kennt, warum sollte sich jemand für das europäische Finale in Portugal interessieren oder gar dorthin fliegen? Das Marketing für das Finale ist so leise, dass kaum jemand davon weiß. Und wenn kaum jemand kommt – wenige Starter, kaum Medienresonanz – dann hat der Tourismusverband Centro de Portugal und noch der eine oder andere 50.000 Euro Preisgeld für einen Event ausgeschüttet, das niemanden interessiert. Der UTAX, das Gastgeberrennen, zählte 2025 auf der 54-Kilometer-Distanz gerade einmal 98 Finisher. Das war die Ausgangslage. Dieses Mal gibt es Prämien, die sich verteilen auf Gesamtwertung, Alterskategorien von U23 bis Masters 70 und Zeitsegmente innerhalb des Rennens. Anreiz genug, dabei zu sein?



Sollte das Finale indes tatsächlich ein Erfolg werden und ein nennenswerter Teil der über 4.500 (genau 4.765) europaweit qualifizierten Athleten aus 31 Ländern nach Castanheira de Pera reisen – eine Kleinstadt mit knapp 2.700 Einwohnern, zehn Unterkünften auf Booking.com und fünf Bed & Breakfasts auf Tripadvisor –, dann kollabiert die Logistik. Hotels.com empfiehlt bereits beim Suchen, lieber in Coimbra oder Lousã zu schauen. Und dann ist da noch die CO₂-Frage. Beim UTMB stammen 88 Prozent aller Emissionen aus dem Athletentransport. Wer von Wien, Stockholm oder Helsinki nach Portugal fliegt, erzeugt hin und zurück über 200 kg CO₂ – für eine Idee, die den Carbon Footprint des Trailrunnings reduzieren sollte. Das ist keine Kritik an Portugal. Das ist Mathematik.
Kurz gesagt: Wird das Finale ein Flop, hat die ITRA eine teure Lektion bezahlt. Wird es ein Erfolg, hat sie den Gründungsgedanken der National League endgültig begraben. Sowas nennt man neudeutsch lose-lose.



Das FIFA-Syndrom
Die FIFA ist seit Jahrzehnten die Meisterin des institutionellen Widerspruchs. Sie spricht von Nachhaltigkeit und vergibt die WM nach Katar. Sie spricht von Inklusion und verteilt die Millionen unter den Mächtigen. Die ITRA ist keine FIFA – sie ist kleiner, ehrlicher, und ihr Herz schlägt am richtigen Fleck. Aber die Mechanik ist dieselbe: Eine Organisation mit einem edlen Gründungsgedanken wächst. Mit dem Wachstum kommt der Drang nach mehr Struktur, mehr Sichtbarkeit, mehr Prestige. Ein nationales Ranking reicht nicht mehr. Und der nächste Schritt nach einem europäischen Finale ist absehbar: ein Weltfinale. Und dann eine globale Qualifikationsstruktur. Und dann sind wir genau dort, wo man mit der National League nie hinwollte.
Rui Pinho, Vice-President der ITRA und Portugiese, sagte bei der Ankündigung: „Das erste europäische Finale ist ein großer Schritt für die ITRA National League.“ Ein großer Schritt. Wohin, ist die Frage.
Das UTMB-Modell als Spiegel
Man kennt dieses Modell bereits. UTMB hat ein ausgeklügeltes Qualifikationssystem mit aktuell 66 „by UTMB“-Rennen weltweit aufgebaut. Die Idee: lokaler Einstieg, globale Reichweite. In der Praxis fliegen Läufer für Qualifikationsrennen nach Asien oder Südamerika. Ein professioneller Athlet, der international startet, erzeugt mit 10,13 Tonnen CO₂ pro Jahr mehr als doppelt so viel wie ein lokaler Läufer. Jetzt riskiert die ITRA, dasselbe Modell aufzubauen – Schritt für Schritt, mit der besten Absicht, aber mit demselben institutionellen Bug.
Die Athleten: Herzlich willkommen in Portugal
Diese Kritik richtet sich nicht gegen die Athletinnen und Athleten. Es sind Namen dabei, die man kennt: Cristian Minoggio aus Italien, der seit 2023 die ITRA National League in seinem Land dominiert und nebenbei amtierender SkyUltra-Weltmeister ist. Benjamin Roubiol aus Frankreich, einer der stärksten europäischen Trailrunner seiner Generation. Hannes Namberger, den man nicht weiter vorstellen muss. Julius Ott aus Deutschland, mit einem ITRA-Index von 875 auf Weltklasseniveau. Manuel Innerhofer aus Österreich, Alice Testini, Nino Janki. Sie alle haben sich verdient qualifiziert.
Und dann sind da die vielen anderen – Läuferinnen und Läufer, die drei lokale Rennen absolviert haben, genau so wie die ITRA es wollte. In Norwegen hat Stand heute keine einzige Frau diese Hürde genommen. Drei Rennen. Das war alles – und es reichte trotzdem nicht.





Was von einem schönen Gedanken übrig bleibt
Die ITRA National League hat echte Verdienste. 2023 fanden 6.019 Rennen in 94 Ländern mit 46.443 gewerteten Läufern statt. Das Konzept funktioniert auf lokaler Ebene. Aber das europäische Finale sagt: Lokal laufen ist gut – der echte Titel wartet woanders.
Es ist kein böser Wille. Es ist die institutionelle Schwerkraft, der keine Organisation dauerhaft widersteht: Wachstum braucht Sichtbarkeit, Sichtbarkeit braucht Events, Events brauchen Reisen. Am Ende steht man da mit einem System, das dafür gebaut wurde, das Reisen zu reduzieren – und einem Finale in Portugal, das entweder niemanden interessiert oder den Ort überrollt. Der schöne Gedanke von 2022 ist noch da. Er hat nur ein Preisschild bekommen. Und ein Flugticket nach Lissabon.

Quellen:
ITRA National League Announcement (November 2022): itra.run
ITRA National League – More Info: itra.run/Nationalleague/MoreInfo
ITRA Organization (Rui Pinho als Vice-President): itra.run/About/Organization
Portugal to host first ITRA National League European Final (2026): endurance.biz
Centro de Portugal / ITRA European Final: ambitur.pt / sapo.pt / diarioleiria.pt
ITRA LinkedIn – National League 2024 Results: linkedin.com/company/itra
UTMB by UTMB Race Calendar: utmb.world
Carbon footprint of trail runners – 100 Miles of Istria study: ScienceDirect (2023)
CO₂ emissions of runners – Misool.fr / Dans la Tête d’un Coureur Podcast
EU Tourism Dashboard – CO₂ emissions per air passenger 2022: European Commission
UTAX 2025 results: itra.run / utmb.world
Quellen in Österreich, Deutschland, Spanien, Frankreich und Portugal
KORREKTUR am 28.7.. Zahl der qualifizierten Läufer:innen (Quelle: ITRA-Instagram)
