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    „Trail Running is about Freedom“ – oder: Wie der UTMB auf politischen Druck reagiert

    Teil zwei der Serie mit dem Titel: „Wer zahlt für den Trail?Im ersten Teil dieser Serie haben wir gezeigt, wie Städte und Regionen öffentliche Gelder für private Trailrunning-Events bereitstellen – von Nizza bis zu den Kanarischen Inseln. Jetzt dreht sich das Blatt. In Chamonix, der Welthauptstadt des Ultratrailrunnings, formiert sich Widerstand. Und die Uhr tickt.

    Text: Egon Theiner
    Bild: UTMB

    Ein neuer Mann, eine neue Ära

    Am 22. März 2026 wählen die Chamoniarden François-Xavier Laffin zum neuen Bürgermeister ihrer Stadt – mit 53,94 Prozent der Stimmen im zweiten Wahlgang. Er beendet damit die 18-jährige Ära seines Vorgängers Éric Fournier, unter dem der UTMB zur globalen Marke gewachsen war. Laffin war jahrelang der wichtigste Oppositionspolitiker in Chamonix – und hat den UTMB dabei stets im Blick gehabt.

    Wer ist Laffin politisch? Er ist kein radikaler Ökopolitiker, aber auch kein klassischer Wirtschaftsliberaler. Sein Ansatz trägt eher die Handschrift eines pragmatischen Kommunalpolitikers, der Tourismus steuern und Territorium schützen will. Er nennt die Calanques – die berühmte Steilküste bei Marseille, die seit Jahren mit strikten Besucherbeschränkungen gegen Overtourism kämpft – als Quelle der Inspiration. Sein Programm: Chamonix soll exemplarisch, nachhaltig und innovativ sein. „Die Stimme von Chamonix trägt weit. Deshalb müssen wir sie verantwortungsvoll einsetzen“, sagte er bei seiner Antrittsrede am 27. März 2026.

    Am 9. April wird Laffin zusätzlich mit knapper Mehrheit zum Präsidenten des Gemeindeverbands der gesamten Chamonix-Vallée gewählt – vier Gemeinden, rund 14.000 permanente Einwohner, und ein politisches Gewicht das weit über die Stadtgrenzen hinausreicht.

    Die Chronologie des Drucks

    Am 16. Juli 2026 gibt Laffin der L’Équipe ein Interview das aufhorchen lässt. Eine große Mehrheit der Chamoniarden „verachte“ den UTMB wegen der Überfüllung, sagt er. Die Expo-Fläche wird sofort auf die Place du Mont-Blanc beschränkt – die Organisatoren seien davon „nicht begeistert“ gewesen. Für 2027 und danach hat er Größeres vor: weniger Läufer in Naturreservaten, Reduzierung oder Abschaffung von Nachtrennen in Schutzgebieten, ein kleineres Rennformat, und Limits für Zuschauer – möglicherweise ein Rotationssystem, bei dem wer ein Jahr dabei war, im nächsten pausieren müsste.

    Chamonix hat rund 9.000 permanente Einwohner, empfängt aber über fünf Millionen Besucher pro Jahr. Der UTMB allein bringt in einer einzigen Woche rund 80.000 Menschen in die Vallée. Wenn Laffin selbst sagt, dass langfristig Passierrechte infrage gestellt werden könnten, wenn keine Veränderungen kommen, ist das keine leere Drohung. Das ist eine mögliche politische Realität.

    Die Kampagne – ehrlich oder strategisch?

    Am 30. Juli 2026 – exakt zwei Wochen nach dem L’Équipe-Interview und gut drei Wochen vor dem Rennen Ende August – veröffentlicht HOKA UTMB eine Awareness-Kampagne. Der Titel: „Trail Running is about Freedom. Not without Responsibilities.“ Es ist eine Serie von Illustrationen, wunderbar gezeichnet von Matthieu Forichon – dem bekannten Illustrator hinter „Des Bosses et Des Bulles“, der bereits das UTMB-Poster 2020 entworfen hat – erinnert Läufer, Begleiter und Zuschauer an Grundregeln: kein Abfall, kein Lärm, keine Beunruhigung von Herden, Respekt vor Zäunen und Privatgelände.

    Isabelle Viseux-Poletti, Direktorin von HOKA UTMB Mont-Blanc, kommentiert die Kampagne so: Eine der größten Prioritäten sei es sicherzustellen, dass das Event dauerhaft seinen Platz in der Region behalte – im Respekt gegenüber den Menschen, die dort leben und der Natur, die das Event empfängt. Man habe viele Maßnahmen umgesetzt, könne das aber nicht alleine schaffen. Jeder Läufer, jeder Begleiter, jeder Zuschauer habe eine Rolle zu spielen. Nur gemeinsam, durch individuelle Verantwortung, werde man erhalten was dieses Event so besonders mache.

    Ein gut formulierter Satz. Aber er enthält eine bemerkenswerte Verschiebung: Die individuelle Verantwortung der Läufer, Begleiter und Zuschauer wird betont – die strukturelle Verantwortung der Organisation selbst bleibt unerwähnt. Wer trägt die Verantwortung für 80.000 Besucher in einer Woche? Wer trägt die Verantwortung für ein Geschäftsmodell, das auf globalem Wachstum basiert und immer mehr Menschen in ein fragiles Alpental bringt? Diese Fragen beantwortet Viseux-Poletti nicht. Und das ist vielleicht die ehrlichste Aussage der gesamten Kampagne.

    Es sind viele schöne Worte, die da gesprochen und geschrieben wurden. Aber wann wurde diese Kampagne in Auftrag gegeben? Das ist eine zumindest spannende Frage.

    Eine Kampagne dieser Art – eine ganze Serie von Illustrationen, mit professionellem Künstler, mit kommerziellen Nutzungsrechten für eine globale Organisation – braucht Wochen, wenn nicht Monate der Vorbereitung: Briefing, Konzept, Zeichnungen, Korrekturrunden, Produktion. Laffin gewann die Wahl am 22. März 2026. Sein Kurs war bereits in der Opposition klar. Es wäre naiv anzunehmen, dass die UTMB Group nicht gewusst hat, was kommen würde. Die Hypothese liegt also auf der Hand: Diese Kampagne wurde nicht nach dem L’Équipe-Interview in Auftrag gegeben. Sie wurde vorbereitet, als klar wurde, dass Laffin gewinnen würde – oder sogar früher. Das wäre politische Intelligenz. Vorbereitende (Krisen-)Kommunikation, bevor der Druck öffentlich und zu massiv wird.

    Das strukturelle Problem

    Der UTMB ist nicht mehr das Rennen, das 2003 in Chamonix begann. 2021 ist die UTMB Group eine Partnerschaft mit der Ironman Group eingegangen und hat die UTMB World Series aufgebaut – aktuell sind es 66 Qualifikationsrennen weltweitm und weitere sollen hinzu kommen. (Angeblich haben in Österreich auch die Veranstalter und „Owner“ des Paznaun Ischgl Ultra Trailsm kurz PIUT, Ambitionen, „by UTMB“ zu werden.) Das ist ein globales Geschäftsmodell, das auf Wachstum basiert. Und Wachstum und der Erhalt eines fragilen Alpentals stehen in einem fundamentalen Widerspruch.

    Im ersten Teil der Serie, wer denn für die Trails zahlt, haben wir gezeigt, wie Nizza 535.000 Euro netto an öffentlichen Mitteln für den UTMB bereitstellt. Wie die Kanarischen Inseln über SODEPAL 150.000 Euro direkt an UTMB Iberia S.L. zahlen. Wie das Aostatal 400.000 Euro pro Jahr für 2025 bis 2027 budgetiert hat. Chamonix ist die andere Seite derselben Medaille: Es ist nicht die Region die zahlt, um ein Event anzuziehen – sondern sie zahlt als Heimat eines Events, das entkoppelt ist von den Bedürfnissen der Menschen, die dort leben.

    Das UTMB-Modell braucht Chamonix. Chamonix braucht den UTMB – zumindest wirtschaftlich. Aber die Chamoniarden, die ihn „verachten“, leben in einem Tal, das ihnen an einer Woche im August nicht mehr gehört. Das ist die eigentliche Rechnung. Und die stellt jetzt der Bürgermeister.

    Was das für den Trail bedeutet

    Trailrunning wächst. Mit dem Wachstum kommen Konflikte. Chamonix ist kein Einzelfall – es ist das deutlichste Beispiel einer Dynamik die sich wiederholt: in Nizza, auf den Kanarischen Inseln, im Aostatal, in den Dolomiten, an der Zugspitz. Überall stellt sich früher oder später dieselbe Frage: Wer zahlt für den Trail?

    In Chamonix hat die Antwort jetzt einen Namen. Und 53,94 Prozent der Stimmen.

    Quellenverzeichnis:
    François-Xavier Laffin als neuer Bürgermeister von Chamonix (März 2026): chamonix.fr, radiomontblanc.fr
    Laffin als Präsident des Gemeindeverbands (April 2026): nosalpes.eu
    Laffins politische Positionierung und Programm: u-Trail.com, mon-sejour-en-montagne.com, chamonix.fr
    L’Équipe-Interview Laffin über den UTMB (16. Juli 2026): lequipe.fr (via u-Trail.com, reference-trail.fr, info.fr, marathonhandbook.com)
    UTMB Awareness-Kampagne „Trail Running is about Freedom“ (30. Juli 2026): HOKA UTMB Pressemitteilung
    Illustrator Matthieu Forichon / Des Bosses et Des Bulles: utmb.world (2020 Poster), u-Trail.com
    Forderungen Laffins für 2027: marathonhandbook.com, u-Trail.com
    UTMB-Besucherzahlen: u-Trail.com, info.fr
    UTMB World Series und Ironman Group-Partnerschaft: marathonhandbook.com
    Bezüge zu Teil 1 – Nizza, Kanarische Inseln, Aostatal: Egon Theiner, trailrunningworld.net

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