Traumziel Olympia – aber wird der olympische Friedhof ein Trauma?

Tauziehen war olympisch. Karate war olympisch. Breaking tanzte vier Jahre lang auf der größten Bühne der Welt – und wurde trotzdem nie wieder eingeladen. Trailrunning will da rein. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern mit welchem Schicksal.

Text: Egon Theiner
Bild: Wikicommons

Ein Seil, ein Tatami, ein Känguru

London, 1908. Acht Männer in schweren Stiefeln stemmen sich gegen ein Seil. Sie sind Polizisten aus Liverpool, ihre Gegner Amerikaner – und was sie gerade betreiben, ist eine offizielle olympische Disziplin. Tauziehen. Mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln umkämpft, mit Medaillen belohnt.

Heute ist dieses Bild so weit aus unserer Vorstellung verschwunden, dass es fast komisch wirkt. Dabei war Tauziehen zwischen 1900 und 1920 bei sechs Olympischen Spielen dabei – ehe es still und leise aus dem Programm fiel. Nicht wegen eines Skandals oder eines Betrugs. Sondern weil kein internationaler Verband diese Sportart schützte, als das Internationale Olympische Komitee beschloss, das aufgeblähte Programm zu reduzieren und (zwischen 1900 und 1924) 33 Sportarten oder Disziplinen aus dem damals doch nicht so elitären Zirkel zu schmeißen. Es traf nicht nur das Tauziehen, auch, aufgepasst: Polo, Rugby, Lacrosse, Pelota, Motorbootfahren und – Lebendtaubenschießen.

Mehr als hundert Jahre später, in Tokio 2021: Karate feiert sein olympisches Debüt. Athlet:innen aus der ganzen Welt sind dabei, jahrzehntelanges Ringen um Anerkennung kulminiert in ein Moment der Genugtuung für Millionen von Kampfsportler:inen. Und dann: gestrichen. In Paris 2024 nicht mehr im Programm.

Und dann das. Paris, Sommer 2024. Breaking ist olympisch, zum ersten Mal. Was folgt, ist eine Mischung aus echten athletischen Leistungen und einem viralen Moment: Für diesen sorgt Rachael Gunn, Kampfname „Raygun“, aus Australien, die mit einem Känguru-Tanz die sozialen Medien in Brand setzt und null Punkte holt. Das IOC hatte die Entscheidung, Breaking nicht nach Los Angeles 2028 mitzunehmen, allerdings schon ein Jahr zuvor getroffen – lange bevor irgendjemand Raygun kannte. Breaking passte zu Paris. Zu LA passt es nicht. So einfach ist das. Das erste war gleichzeitig auch das letzte Mal.

Willkommen im olympischen Zirkus. Willkommen im Club, aus dem man auch ganz schnell wieder herausfliegen kann.

Trailrunning klopft an

Vor diesem Hintergrund muss man verstehen, was die Institutionen dieser Sport-Disziplin und ein sehr großer Teil der Trailrunning-Community gerade versuchen, und was sie tun, ist kein halbherziges Anklopfen.

Die Internationale Trailrunning Association (ITRA) hat offiziell Position bezogen: Die Olympischen Spiele 2032 in Brisbane seien ein realistisches Ziel. ITRA-Präsidentin Janet Ng formulierte es so: Die wachsende Popularität, die einzigartigen Herausforderungen und die Schönheit des Trailrunnings verdienten Anerkennung auf der Weltbühne – und 2032 in Brisbane wäre dafür der richtige Zeitpunkt. Eine australische Grassroot-Bewegung, die „Trail Running 2032 Campaign“, hat dafür eine Zehn-Jahres-Roadmap ausgearbeitet.

Das Team der International Trail Running Association ITRA bei den WMTRC 2025 (c) ITRA

Die Zahlen geben dem Sport recht: Weltweit wird es wohl weit über 20 Millionen Trailrunner geben. Bei den World Mountain and Trail Running Championships 2025 traten Athlet:innen aus 80 Ländern an. Für die nächste Ausgabe (2027 in Südafrika) werden noch mehr Nationen erwartet. Das ist kein Nischensport mehr – das ist eine globale Bewegung.

Doch dann gibt es noch einen anderen Hinweis, der die Lage deutlich komplizierter – und spannender – macht. Die Organisatoren der Olympischen Winterspiele 2030 hätten Trailrunning, oder Cross-Country, über den Namen lässt sich auch streiten, gerne bereits in vier Jahren im Programm. Trailrunning und Frankreich, das passt. World Athletics ist aktuell etwas zurückhaltend, das Internationale Olympische Komitee wohl nicht abgeneigt, aber abwartend.

Was die Geschichte lehrt – drei Szenarien

Die Fälle Tauziehen, Karate, Breaking und Snowboarding sind keine Fußnoten der Sportgeschichte. Sie sind Blaupausen. Und Trailrunning wird eines dieser Muster durchlaufen.

Szenario eins: Der schnelle Tod. Breaking und Karate zeigen, wie es laufen kann, wenn ein Sport zwar olympisch wird, aber nie wirklich verankert ist. Kein Stammplatz, kein langfristiges Commitment von wem auch immer – nur ein Gastspiel, das vom Goodwill des jeweiligen Ausrichters abhängt. Trailrunning würde dieses Schicksal drohen, wenn es als regionales Aushängeschild Brisbanes oder der französischen Alpen ins Programm käme, ohne tiefe strukturelle Verankerung in der Agenda von World Athletics.

Szenario zwei: Das langsame Vergessen. Tauziehen scheiterte nicht an mangelndem Enthusiasmus, sondern an fehlenden Strukturen. Bis 1908 war es eine Disziplin der Leichtathletik – doch als die Leichtathletikverbände das Tauziehen zunehmend vernachlässigten und sich kein eigenständiger internationaler Verband formierte, der den Sport hätte schützen und weiterentwickeln können, verlor es seinen institutionellen Rückhalt. Der Weltverband TWIF wurde erst 1960 gegründet – vierzig Jahre zu spät. Ohne Dachorganisation kein Schutz, ohne Schutz kein Stammplatz. Genau dieses Strukturproblem kennt Trailrunning aus eigener Geschichte – und kämpft heute aktiv dagegen an. Die eigentlichen Fragen aber bleiben: Wer qualifiziert sich? Nach welchen Regeln? Welches Format ist olympiatauglich – ein 20-km-Rennen im Gebirge? Ein Sprint über technisches Gelände? Oder eine Kombination aus beidem? Ein Sport, der von 5-Kilometer-Rennen bis zu 200-Meilen-Abenteuern reicht, muss sich für Olympia auf einen Kompromiss einigen – und dieser Prozess birgt echte innere Konflikte.

Szenario drei: Die Erfolgsgeschichte. Snowboarding ist das Modell, das sich die Trailrunning-Welt wohl erhofft. Auch dieser Sport begann als rebellische Subkultur – in den 1980ern wurden Snowboarder von den meisten Skiresorts als störende Eindringlinge verboten. Der Weg ins Olympia-Programm (1998 in Nagano) war ebenfalls alles andere als glatt: Das IOC akzeptierte Snowboarding nur unter der Kontrolle des etablierten Skiverbands FIS – und nicht unter dem eigenen Snowboard-Weltverband ISF, der daraufhin 2002 seinen Betrieb einstellte. Der Sport opferte institutionelle Autonomie für olympische Legitimität. Und gewann trotzdem – mit Shaun White als globalem Superstar und Slopestyle als einem der spektakulärsten Events der Winterspiele.

Die Seele des Sports – und wer sie schützt

Genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister innerhalb der Trailrunning-Community. Denn mit dem olympischen Traum kommt eine unbequeme Frage: Was geht dabei verloren?

Tim Tollefson, Rennleiter des Mammoth Trail Fest und 2017 Dritter beim UTMB, bringt es unverblümt auf den Punkt: Er befürchte, dass die Seele des Trailrunnings zurechtgestutzt werde, um in ein künstliches IOC-Template zu passen. Die olympischen Spielregeln verlangen standardisierte Kurse, TV-gerechte Formate, klare Qualifikationssysteme. All das klingt vernünftig – und steht doch in direktem Widerspruch zu dem, was Trailrunning ausmacht: unvorhersehbare Natur, individuelle Herausforderung, die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie weit man geht.

Courtney Dauwalter (USA), Siegerin des Chianti Ultra Trail by UTMB 2026 (c) UTMB

Die UTMB World Series verzeichnete 2025 55 Events mit knapp 147.000 Teilnehmern in 28 Ländern auf fünf Kontinenten (2026 sind es aktuell bereits 64 Events). Trailrunning wächst – und zwar ohne olympische Weihe. Das ist vielleicht das stärkste Argument gegen die Olympia-Ambition: Der Sport braucht die größtmögliche globale Bühne vielleicht weniger, als er glaubt.

Ein Blick auf das Sportklettern zeigt, wie komplex diese Angelegenheit ist. Auch das Klettern wuchs jahrzehntelang aus sich selbst heraus – eine globale Bewegung mit eigener Kultur, eigenen Stars, eigenen Wettkampfformaten. Das olympische Debüt in Tokio 2021 brachte zweifellos globale Sichtbarkeit. Aber es zwang den Sport gleichzeitig, sein vielfältiges Wesen in ein einziges Kombinationsformat zu pressen – Speed, Bouldern und Lead in einem Wettkampf, was viele Kletterer als künstlich empfanden. Das Format wurde seither für Paris und LA28 überarbeitet. Die Lektion ist deutlich: Olympia ist kein Endpunkt, sondern ein laufender Verhandlungsprozess – und wer schlecht verhandelt, verliert die Kontrolle über den eigenen Sport. Für Trailrunning, dessen Stärke gerade in seiner Unkontrollierbarkeit liegt, ist das eine besonders heikle Ausgangslage.

Wer den Barkley Marathon kennt und davon Jahr für Jahr gefangen genommen wird – von jenem legendären Rennen in Tennessee/USA, das seit 1986 existiert, bis heute nur 26 Zieleinläufe von 19 Sportlern und einer Sportlerin sah –, der versteht, warum viele Trailrunner misstrauisch sind. Der „Barkley“ ist das Gegenteil von Olympia: unkontrollierbar, medienscheu, geheimnisvoll, kompromisslos, gnadenlos. Vielleicht ist er auch ein Spiegel, den sich der Sport vorhalten muss, bevor er den nächsten Schritt macht.

Salomon ist einer der Haupt-Förderer von „Trail Running 2032“ (c) trailrunning.org.au

2030 oder 2032 – und dann?

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Trailrunning olympisch wird. Die Vorzeichen – Popularität, wirtschaftliche Interessen, Verbandsstrukturen, politischer Wille bei World Athletics – sprechen dafür, dass dies passieren wird. Die entscheidende Frage ist: unter welchen Bedingungen?

Wird der Sport als eigenständige Disziplin anerkannt oder mit Cross-Country, vielleicht gar unter dessen Namen, verschmolzen? Wird das Format so gewählt, dass es die Einzigartigkeit des Trailrunnings sichtbar macht – die Berge, das Gelände, die Unberechenbarkeit der Natur – oder so zurechtgestutzt, dass es in einen TV-Slot passt und niemanden mehr überrascht?

Die Geschichte des olympischen Sports ist voller Warnzeichen. Und voller Geschichten über Sportarten, die den Sprung gewagt haben und daran gewachsen sind. Snowboarding hat beides erlebt: den Verlust der institutionellen Unabhängigkeit und den Gewinn globaler Sichtbarkeit. Heute ist es aus dem Programm der Olympischen Winterspiele nicht mehr wegzudenken, und Scotty James aus Australien, Chloe Kim aus den USA, Eileen Gu aus China sind globale Superstars.

Trailrunning steht an einer ähnlichen Weggabelung. Die Berge warten. Das IOC auch. Die Frage, welches Schicksal den Sport erwartet, wenn er dem olympischen Club betritt, ist offen. Eines ist sicher: Der olympische Friedhof ist voll von Sportarten, die da waren und dann weg. Aber er hat auch schon Auferstehungen erlebt.

Quellen: ITRA (itra.run), Trail Running 2032 Campaign (trailrunning.org.au), TrailRunner Magazine, Canadian Running Magazine, UTMB World Series Jahresbericht 2025, Olympedia, IOC

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