Dominik Matt: Der Fehler im System kostet 6.127,97 Euro

44 Kilometer und 2.300 Höhenmeter liegen an diesem 14. Juni 2025 beim Koasamarsch in Tirol hinter ihm, als er im Ziel die Hände in die Höhe reißt. Geschafft! Er ist der österreichische Trail-Marathon-Staatsmeister des Jahres. Er hat bewiesen, wie stark er ist, und er sagt, dass dies eines der härtesten Rennen war, das er je gelaufen ist. Für seinen UTMB-Index ist diese Leistung 884 Punkte wert. Doch was für Dominik Matt folgt, ist ungleich härter.

Text: Egon Theiner
Bilder: Dominik Matt, Tour de Tirol

Es ist ein Trail im sportmedizinischen und sportrechtlichen Gestrüpp, ein Spießrutenlauf in der Trailrunning-Szene und obendrauf eine Hetzjagd in den sozialen Medien, der er sich schutzlos ausgesetzt sieht.

Diese Geschichte, die an diesem 14. Juni 2025 begann, ist nicht leicht zu erzählen. Viele Informationen, die trailrunningworld.net vorliegen und die tief in die Privatsphäre Matts hineinreichen, dürfen und können aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht öffentlich gemacht werden.

Doch was diese Geschichte über den „Fall Matt“ hinaus aufzeigt, ist der Graubereich an der Schwelle zwischen den elitären olympischen Sportarten und dem – nennen wir es so – anderen Elitesport. Der „Fall Matt“ ist ein Einzelschicksal und offenbart zugleich einige der Hindernisse und Herausforderungen, die dem Trailrunning auf dem Weg zur vollumfänglichen Anerkennung als Spitzensport im Weg stehen.

Elite auf eigene Kosten

Dominik Matt hat einen UTMB-Score von 867 (Stand 16. April 2026). Dabei ist er hauptberuflich und in Vollzeit für das Unternehmen Stihl in der Qualitätskontrolle tätig. Er ist verheiratet. Er gehört zur Elite – und ist dennoch ein Hobbysportler. Seit Oktober 2022 und noch bis Ende 2027 ist Matt Teil des Team Salomon, was ihm eine Reihe von Vorteilen bringt: Er erhält ausreichend Ausrüstung, bei den Rennen, die er bestreitet, werden sämtliche Spesen übernommen – vom Taxi zum und vom Flughafen über Kilometer- und Mautgeld bis zu Unterkunft und Verpflegung am Zielort. Mit Arne-Christian Wolff von Two Peaks Endurance wird ihm zudem ein eigener Trainer zur Seite gestellt. Coros, Ledlenser und Mnstry sind weitere Unternehmen, die mit Matt zusammenarbeiten, Material bereitstellen und Erfolgsprämien in Aussicht stellen. Der Sport kostet ihm nichts. Davon leben kann er trotzdem nicht.

Der Mann aus Ebbs gewinnt also die Staatsmeisterschaft auf vertrautem Terrain. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits eine medizinische Vergangenheit, die Ordner füllt. Dass Matt rund drei Monate zuvor, kurz vor dem Salomon Lindkogel Trail in Bad Vöslau, einen epileptischen Anfall erleidet, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Ob dieser in einem Zusammenhang mit den eingenommenen Medikamenten steht, konnte auch nach eingehenden medizinischen Untersuchungen nicht abschließend geklärt werden.

Zu seiner medizinischen Vorgeschichte gehört die Einnahme von Medikamenten, um den Testosteron-Haushalt auszugleichen, sowie von Furosemid, um Wassereinlagerungen zu bekämpfen. Beide Wirkstoffe stehen auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA.

Musterschüler, aber bestraft

Als Vertreter der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) nach dem Koasamarsch in Ebbs bei frischgekürten Sieger Dominik Matt vorstellig werden, weiß er genau, was in seinem Urin gefunden werden wird – und lässt noch an Ort und Stelle protokollieren, welche Medikamente er einnehmen muss.

Doch das hatte der Tiroler bereits lange zuvor getan. Schon am 2. Mai 2023, also zwei Jahre früher, hatte Matt von sich aus Kontakt zur NADA Austria aufgenommen, um zu erklären, dass er aus medizinischen Gründen auf der WADA-Verbotsliste geführte Substanzen – konkret Lasix und Testogel – einnehmen bzw. anwenden muss, und um die weitere korrekte Vorgehensweise zu erfragen.

Da Matt weder damals noch heute dem Nationalen Testpool angehört, erhielt er von der NADA die Auskunft, dass in seinem Fall ausschließlich das retroaktive Genehmigungsverfahren (Anmerkung: ein Antrag erst nach dem Vorliegen eines positiven Testergebnisses) zur Verfügung stehe. Das bedeutet: Wird er positiv getestet, steht ihm die Möglichkeit offen, im Nachhinein eine medizinische Ausnahmegenehmigung – Therapeutic Use Exemption, kurz TUE – zu beantragen.

Bei den WMTRC am 8. Juni 2023 in Innsbruck-Stubai wird Matt herausragender 29. – und nicht getestet. Bei 13 weiteren Rennen kommt er achtmal auf das Podest (Quelle: UTMB Index) – und wird nicht getestet. Erst bei den Marathon-Trail-Staatsmeisterschaften ist es dann soweit. Matt, der sich eng mit seinem Arzt berät, glaubt, auf der sicheren Seite zu sein. Doch die TUE-Kommission der NADA verweigert ihm die notwendige Ausnahmegenehmigung und suspendiert ihn.

Matts positives Testergebnis wurde am 27. Juni 2025 kommuniziert. Am 11. Juli stellte er einen Antrag auf retroaktive TUE für die Anwendung von Furosemid und Testosteron bei der NADA Austria. Am 1. August lehnte die Ärztinnen- und Ärztekommission der NADA diesen Antrag ab. Am 8. August wurde er von der Österreichischen Anti-Doping-Rechtskommission (ÖADR) formell suspendiert.

Dominik Matt ist schuldig – und im Raum steht eine Sperre von vier Jahren.

Am 16. Oktober kommt es im Haus des Sports in der Wiener Prinz Eugen-Straße zum Showdown vor der ÖADR unter dem Vorsitz von Mag. Gerhard Propst. Vorgänge und Zeitleisten werden nachgezeichnet, Zeugen wie ÖLV-Trailrunning-Referent Michael Geisler und Matts Trainer Arne-Christian Wolff vernommen, die Verhaltensweise Matts hinterfragt.

Das Urteil gibt Antworten – und wirft gleichzeitig noch mehr Fragen auf.

Es werden daher über Dominik MATT, geboren am 26.10.1991, folgende Disziplinarmaßnahmen verhängt:

1. Gemäß Art 9 der World Athletics Anti Doping Rules 2025 werden die von dem Beschuldigten beim „55. Ebbser KOASAMARSCH 2025″ in Ebbs (Marathon) erzielten Ergebnisse gestrichen.

2. Gemäß Art 10.5. der World Athletics Anti Doping Rules 2025 wird die ansonsten gemäß Art 10.2.1. der World Athletics Anti Doping Rules 2025 geltende Sperre im Ausmaß von 4 Jahren wegen gänzlich fehlenden Verschuldens oder Fahrlässigkeit aufgehoben.

3. Die mit Beschluss der ÖADR vom 8.8.2025, Gz: RK 8-2025/05 verhängte vorläufige Suspendierung wird mit Wirkung vom 16.10.2025 aufgehoben.

4. Weiters wird Dominik MATT, geboren am 26.10.1991, zum Ersatz der mit einem Gesamtbetrag von € 6.127,97 bestimmten Kosten des Verfahrens an die Nationale Anti-Doping Agentur Austria GmbH, Gertrude-Fröhlich-Sandner-Straße 13 / Top 6, 1100 Wien, verpflichtet.

Gemäß § 10 Abs 3 i.V.m. § 10 Abs 4 ADBG 2021 sind diese Kosten der Nationale Anti-Doping Agentur Austria GmbH, Gertrude-Fröhlich-Sandner-Straße 13 / Top 6, 1100 Wien, binnen einer Frist von vier Wochen nach Aufforderung zu ersetzen.

Schuldig im Sinne der Anklage?

Und dies auch nur, weil eine retroaktive TUE verweigert wurde?

Nicht gesperrt, weil ihm gänzlich fehlendes Verschulden attestiert wurde?

Beides gleichzeitig?

Tatsache ist: Die vier Monate, die dieser Prozess dauerte, kosteten Dominik Matt rund 20.000 Euro – für medizinische Atteste, anwaltlichen Beistand (MMag. Christina Toth stand mit ihrer Expertise an Matts Seite), und für die Verfahrenskosten.

Dass er auch Letztere begleichen muss, wurmt Matt am meisten. Wenn er alles getan hat, was in seiner Macht stand, und er nicht gesperrt wurde – warum steht er dann wie ein Schuldiger da? Und warum wurde ihm die nachträgliche TUE verweigert? Hätte die ÖADR in ihrem Urteil nicht entweder konsequenter sein müssen – und ihn sperren – oder aber die vorangegangene TUE-Verweigerung revidieren und ihn vollständig freisprechen müssen?

6.127,97 Euro. Eine Zahl, die sich ins Gedächtnis brennt – weil sie das Absurde auf den Punkt bringt.

Helmut Baudis, Generalsekretär des Österreichischen Leichtathletikverbandes (ÖLV), sieht die Diskrepanz, hält aber klar fest: „Aufgrund der bestehenden Regressabtretungserklärungen wird der ÖLV Verfahrenskosten immer an die verurteilten Parteien weitergeben. Matt ist eben nicht freigesprochen worden, er wurde sanktioniert und hat den Staatsmeistertitel verloren. Von weiteren Sperren wurde abgesehen.“ Ebenso nüchtern formuliert Baudis den entscheidenden Punkt: „Matt hatte – ohne TUE und mit einem positiven Dopingtest – keine Sicherheit, nicht in diese Lage zu kommen.“

Die retroaktive TUE wurde verweigert, weil die eingereichten Unterlagen von der Kommission als nicht ausreichend bewertet wurden – die Blutwerte hätten verfälscht sein können.

Nicht olympisch. Nicht geschützt.

Es ist ein Fehler im System, weshalb der „Fall Matt“ exemplarisch ist. Wenn ein Sportler oder eine Sportlerin nicht im Anti-Doping-Testpool aufscheint, kann keine TUE ausgestellt werden. Der Grund dafür liegt in der Struktur des Testpools selbst. Er umfasst fast ausschließlich Athletinnen und Athleten aus olympischen Disziplinen. Trailrunning ist nicht olympisch – und deshalb befand sich bis vor wenigen Wochen kein einziger Trailrunner in diesem Pool. Erst seit April 2026 ist mit Anna Plattner, der WM-Fünften 2025 im Trail Short, erstmals eine Trailläuferin im österreichischen Testpool vertreten. Der „Fall Matt“ zeigt: Wird Trailrunning olympisch, öffnet sich dieser Pool für mehr Athletinnen und Athleten – und mit ihm die Möglichkeit, präventiv eine TUE zu beantragen, statt – und das klingt fast wie ein Hohn – auf ein positives Testergebnis warten zu müssen.

Noch einmal Baudis: „Das Anti-Doping-Bundesgesetz stammt aus dem Jahr 2007 und wurde 2021 überarbeitet. Im kommenden Jahr soll ein neues kommen, und mit der Novelle hoffen wir vom ÖLV – so wie auch viele andere Verbände –, dass bestehende Lücken geschlossen werden. Es muss für Spitzensportler:innen immer möglich sein, medizinische Ausnahmegenehmigungen zu erlangen.“

In den vier Monaten des schwelenden Verfahrens um Schuld und Unschuld bestritt Dominik Matt kein einziges Rennen. Nach dem Urteil der ÖADR kehrte der Tiroler auf die Wettkampfstrecke zurück: Bei einem UTMB-Lauf in Apulien lieferte er sich ein Duell mit Andreas Reiterer um den Sieg, ehe er sich verlief und Vierter wurde.

Weit wichtiger als die sportliche Rückkehr war für Matt jedoch ein anderes Ziel: die Beantragung eines international gültigen TUE bei der International Testing Agency (ITA). Dieser Prozess steht kurz vor dem Abschluss – und er hat Monate körperlicher und mentaler Strapazen gekostet, denn für exakte Körpermesswerte musste Matt jene Medikamente, die seit rund vier Jahren zu seinem Leben gehören, vollständig absetzen.

„Und doch sind die ersten Monate 2026 nicht zu vergleichen mit dem, was ich 2025 durchmachte“, erzählt der Sportler der LG Decker Itter. „Was sich im Netz abspielte, hätte ich so nie erwartet. Ich wurde auf das Übelste verunglimpft – ‚du bist zum Schämen, du gehörst weg‘ waren noch die feineren Beschimpfungen. Meine Postings erzielten mehrere zehntausend Aufrufe, bis ich mich ausklinkte. Und ich werde auch nicht großartig in die sozialen Medien zurückkehren.“

Matt musste psychologische Hilfe in Anspruch nehmen – so schlimm trifft es einen Mann, der mitten im Leben steht, erfolgreich ist und weiß, nichts falsch gemacht zu haben. Doch wenn Testosteron, ein überaus wirksamer Stoff, im Spiel ist, geht es schnell: Suspendierung, Presseaussendung, Vorverurteilung.

„Rückblickend danke ich all jenen, die immer zu mir gestanden sind. Das sportwissenschaftliche Team und mein Trainer von Two Peaks Endurance waren von Anfang an eingeweiht und kannten meine Situation – dasselbe gilt für Salomon, die mich stets unterstützten und mich nicht allein ließen, eben auch, weil die Verantwortlichen dort alles wussten.“

Bei den 100 Kilometern des Desert Rats by UTMB in Colorado/USA knickte Matt am 11. April in guter Position liegend um und gab wenige Kilometer später mit Knöchelbeschwerden auf. Viele weitere Rennen stehen nicht auf seinem Jahresprogramm; geplant sind zwei UTMB-Läufe in Frankreich, auf Korsika und in Nizza.

Und dann gibt es noch den Koasamarsch im Juni. Diesmal werden es die 55 Kilometer und 3.900 Höhenmeter sein. Dort, wo der Wahnsinn begann, soll er auch zu Grabe getragen werden. Das internationale TUE dürfte auch für die NADA ausreichend sein.

Oder vielleicht auch nicht.

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