Namberger: „Der WSER, ein harter, brutaler Lehrmeister“

Zehn Fragen, zehn Antworten. Knapp zwei Wochen nach dem Western States Endurance Run blickt Hannes Namberger (UMTB-Index 899 am 7.7.25) auf das Rennen in den USA zurück. Hier sind seine zehn Takeaways.

Text: Egon Theiner
Bilder: Dynafit

Beginnen wir bei der Vorbereitung: Was lief gut, was hätte besser laufen können?

Zwischen Qualifikation für den Western States und dem eigentlichen Lauf sind genau zwei Monate vergangen, was eigentlich eine brutal kurze Zeit ist. Ich meine, eigentlich bräuchte man viel länger, um die ganze Vorbereitung, Organisation und Planung abzuwickeln, dennoch habe ich es gut geschafft – ich war ja schon zuvor dort, habe alles ein bisschen kennengelernt. Ich würde sagen, ich habe eine sehr gute Vorbereitung gehabt. Ich habe extrem viel trainiert, bin sehr viel gelaufen, so viel wie noch nie zuvor.

Somit kann ich mir von der Vorbereitung selbst überhaupt nichts vorwerfen, und kann sagen, dass nichts schief gelaufen ist oder dass ich irgendetwas anders hätte machen müssen.

Okay, vielleicht hätte ich mehr in der Hitze trainieren sollen, das wäre sicher ein verbesserungswürdiger Punkt, dann läufst du halt einfach über einen Monat in dieser Hitze – aber das kann ich mir einfach nicht leisten mit Job, Familie und Kind. Das ist nicht machbar und wird in der Relation auch zu stressig. Klar habe ich daheim viel Hitzetraining gemacht, um mich ein bisschen zu adaptieren, aber das ist eben kein Vergleich zur realen Hitze, die dann beim Western States auf einen wartet.

Aber nochmals, ich würde sagen, es war eine sehr, sehr gute Vorbereitung.

Das Rennen und die Rennstrategie: Was hat gepasst?

Vom Rennen her musst du dir vorher überlegen, wie du es angehen magst. Willst du aktiv laufen oder willst du eher passiv laufen und halt schauen, dass du hinten raus noch genug Kraft hast oder halt aggressiv das Ganze angehen – und das habe ich gemacht.

Ich dachte mir, dass ich den Lauf mitgestalten will, und dies ist bis Kilometer 50 60 auch sehr gut gegangen. Da habe ich zwischen drei bis fünf Minuten Abstand zu den zu den Führenden gehabt. Ja, das ist generell im Männerfeld so, wenn du nicht einfach am Limit läufst, dann gewinnst du nichts. Bei den Männern ist es einfach ein brutaler Kampf, wenn du in die Top Ten kommen möchtest, musst du aktiv laufen.

Meine Rennstrategie lautete somit ganz einfach: alles oder nichts. Vielleicht schaffe ich es ins Ziel, vielleicht gehe ich aber „hops“ und ja, am Ende war es dann leider so, dass ich eher „hops“ gegangen bin. Das nehme ich in Kauf, nochmal, ich musste mir überlegen, wie ich den Lauf angehe, aktiv oder eher zurückhaltend? Wenn ich daran denke, wie sehr ich mich im Laufe des Jahres im Training qüäle und mir den Arsch aufreiße, dann kann es nicht sein, bei einem Rennen wie dem Western States defensiv zu laufen.

Deine Gedanken über den Sieger, Kilian Jornet, die Frauen, die eigene Platzierung?

Caleb Olsen war sicher ein Überraschungskandidat für den Sieg, ist aber ein verdammt talentierter Läufer, war im Vorjahr Fünfter, hat in diesem Jahr den Transgrancanaria gewonnen – dass er siegte, ist schon geil! Er hat sich wahrscheinlich lange auf diesen Tag vorbereitet und ist jetzt halt wirklich belohnt worden.

Über Kilian brauchen wir nicht viele Worte verlieren, ein Ausnahmetalent, einer von nur zwei Europäer in den Top Ten, er hat sehr speziell für den WSER trainiert, hat dies ja schon lange angekündigt, dass er den Western States laufen möchte. Und na ja, es ist einfach krass, wie er das macht, und auf jedem Fall kann man sich da viel abschauen.

Die Frauen machen es generell ein bisschen schlauer als die Männer, sie laufen nicht so sehr über dem Limit, sondern ein bisschen im Konter und haben vor allem hinten raus noch ein extremes Tempo und viel Kraft in den Beinen. Ich wurde zum Schluss von drei Frauen überholt, als ich bereits meinen „Wandertag“ gehabt habe, und das war schon sehr beeindruckend.

Was mein eigenes Rennen angeht: Ich habe es ins Ziel geschafft, aber mit der Platzierung und mit der Leistung kann ich nicht zufrieden sein. Das, was letztlich rauskam, kann nicht mein Anspruch sein, aber so ist es halt manchmal. Entweder man probiert es oder eben nicht, und ich wollte es wissen. Und am Ende bin ich dann halt „hops“ gegangen und explodiert.

Die Hitze hat mich niedergestreckt, so weit, dass da halt einfach nichts mehr im Körper war, und es stellte sich die Frage, auszusteigen oder ins Ziel zu gehen. Würde ich mich selbst und das Rennen mit einer Zielankunft, oder entscheide ich mich für ein DNF? Ich habe mich für ein Finish entschieden.

Die größten Herausforderungen, Probleme und Umstellungen, die zu bewältigen waren?

Auf alle Fälle der spezielle Charakter des Rennens, es ist quasi alles sehr laufbar. Du hast am Anfang ganz wenige bis gar keine Hiking Passagen, und sobald du in die Canyons kommst, wird es extrem heiß – das ist die größte Herausforderung für uns Europäer. Das ist einfach etwas, das wir gar nicht kennen. Wenn es bei uns heiß ist, ja, dann ist es heiß. Aber da drüben ist einfach etwas anderes. Du bist nur noch am Kühlen, hast nur noch Eis am Körper und das ist für uns komplettes Neuland.

Die Strecke – ja, meinetwegen, sie ist cool, aber jetzt auch nichts Besonderes von der Aussicht oder vom Panorama her.

Keine Stöcke sind okay, die braucht man nicht, die Pflichtausrüstung braucht man auch nicht unbedingt. Pacer sind auf jedem Fall hilfreich, sie begleiten dich ins Ziel, wenn in deinem Kopf nur mehr Wirrwarr herrscht.

Das Umfeld des WSER: Wie hast du Organisation und Zuschauer wahrgenommen?

Der Western States ist extrem familiär, er kann es sich leisten, mit 360, 380 Teilnehmer:innen auszukommen. Da wirst du wirklich begrüßt, da hast du ein Highlight schon bei der Startnummernabholung. Die sind super-happy und machen dir ein extremes Erlebnis allein aus der Tatsache, dass du jetzt da bist. Die sagen quasi: „Wenn du diese Startnummer akzeptierst, wirst du morgen dieses Rennen laufen.“ Und dann kriegst du dort das erste Mal Gänsehaut.

Da ist der Chef, der begrüßt dich per Handschlag, freut sich, dass du da bist, hat mir dir einen kurzen Talk und das macht das Ganze einfach brutal persönlich. Und auf der Strecke machen die Leute und die Volunteers an den Aid Stations einen perfekten Job. Sowas habe ich noch nie erlebt, das ist etwas Einzigartiges.

Zu den Zuschauern – ja, okay, aber die gibt es überall und das macht das Rennen jetzt nicht extra speziell. Die Herzlichkeit und das das Familiäre, was den WSER so von den immer größer und immer aufgeblaseneren UTMB-Rennen unterscheidet, macht den Unterschied.

Der Unterschied zu europäischen Ultratrails, und welches andere Rennen kommt dem WSER am nächsten?

Wir haben einfach komplett andere Rennen, ich kann den Western States eigentlich nicht vergleichen. Es sind äußere Einflüsse da, die Hitze und die Flussquerung, die du in Europa gar nicht hinbekommst, und es gibt andere Charakteristika des Rennens – keine Pflichtausrüstung, keine Stöcke, mit Pacer – die auf die Historie zurückzuführen sind und die den Lauf unvergleichbar machen. Und noch was, der WSER ist relativ öde, die ersten 40 km sind super, aber dann wird es wirklich einfach fad und langweilig.

Der Erfahrungsgewinn, den du gemacht hast – was hast du dort über dich gelernt?

Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass eine Zielankunft nicht selbstverständlich ist, das ist sie nie, aber auch: dass ich es schaffen kann. Ich war bei 100 Kilometern schon angezählt, habe die Krämpfe meines Lebens gehabt und nicht gewusst, wie ich mich fortbewegen soll. Dadurch, dass die Verpflegungspunkte eng beieinander liegen, so alle sieben bis neun Kilometer, haben wir uns dann durch die letzten 60 Kilometer durchgekämpft, mit Zwischen- und Etappenzielen. Ich habe immer gesagt: Ich gebe auf keinem Fall auf, und wenn es 24 Stunden dauert, ich wandere das Teil durch. Ich wollte unbedingt ins Ziel kommen, weil die Zielankunft einfach auch etwas Schönes ist.

Ich habe nicht aufgegeben. Klar, ich habe meine Leistung nicht erbracht, aber ich habe nicht aufgegeben und dies war für mich am Ende das, was mich sehr stolz auf mich gemacht hat.

Okay, ich wäre gerne den WSER in 15 Stunden gelaufen, dann sind es halt 17 geworden. Aber ich bin ins Ziel gekommen und ich habe mich so geschunden wie selten zuvor. Ich bereue im Nachgang, dass ich meinen Körper schon sehr zerstört habe, aber so ist es halt und der Stolz bleibt. Man kann nicht immer gewinnen, aber man kann sich zumindest so lange schinden, bis im Körper nichts mehr drinnen ist. Das habe ich gemacht.

Wie hat sich deine Meinung zum WSER durch die Teilnahme verändert, und in welche Richtung?

Der Western States ist einfach ein krasser Lauf, ein harter Lehrmeister. Er ist brutal, wenn du ihn mit Ambition laufen und eine Zielankunft haben möchtest. Das ist kein Problem, das schafft man. Ein guter 100-Meilen-Läufer kann ihn gut in 18 bis 24 Stunden bewältigen. Wenn du ihn als Elite-Läufer wirklich auf Zeit machen möchtest, dann ist es eine große Herausforderung. Dann musst du dein ganzes Mindset und auch dein ganzes Training umstellen.

Du musst in die Hitze und Höhe ziehen, also irgendwohin nach Boulder, Colorado, Flagstaff, wo die ganzen amerikanischen Stars leben. Da musst du wohnen und dich darauf vorbereiten, sonst hast du keine Chance. Also: Du musst volles Commitment gehen, wenn du das machen willst. Ja, dann lernst du halt genau laufen für diese eine Kategorie, aber du bist dann quasi nicht mehr für die alten gemacht. Diesen Spagat bringen vielleicht manche hin, ich kann ihn nicht. Bei mir stehen eben die Alpen im Mittelpunkt. Aber der WSER ist für meine Lauf-Ausbildung und für meine Entwicklung zu einem kompletten Trailrunner ein sehr wichtiges Rennen, das ich unbedingt machen wollte und vielleicht irgendwann mal wieder machen werde.

Gibt es eine Empfehlung deinerseits, den WSER gelaufen haben zu müssen?

Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man diesen Event schon machen, aber klar: muss man nicht. Man muss überhaupt gar nichts, aber wenn man für alles offen ist, für neue Erfahrungen bereit und die Zeit und die Muse hat, dann ist der Western States extrem geil.

Mir persönlich hat er sehr viel gegeben. Die Erfahrung, die ich da gemacht habe, möchte ich auf keinen Fall missen. Was ich langweilig finde, ist, wenn alle immer jedes Jahr das Gleiche machen, weil sie es einfach können. Mir ist sehr viel Respekt entgegengebracht worden für die Entscheidung, als Europäer da rüber zu gehen und es probieren. Die Amerikaner selber sagen, dass sie nicht nach Europa gehen, weil sie es halt überhaupt nicht können.

Aber ich wollte unbedingt was Neues lernen.

Das hat mir für meine persönliche Entwicklung als Mensch, als Sportler auf dem Weg zu meinen großen Zielen auf jeden Fall weitergebracht.

Gibt es ein „unfinished business“ und eine Rückkehr zum WSER?

Na klar, ich hätte einfach gerne eine bessere Zeit gehabt, ob dann der 9., 11. oder 15. Platz rauskommt wäre mir eigentlich wurscht gewesen. Ich wäre das Rennen gerne hinten raus besser durchgelaufen. Jetzt weiß ich mehr, wie der Wettbewerb funktioniert, das habe ich ja vorher nicht gewusst. Im Endeffekt bin ich den Lauf angegangen wie immer, habe aber dann nicht gewusst, dass es mich nach 90, 100 Kilometern so mitnehmen und anzählen wird, dass ich eigentlich nicht realisierte, wo links und rechts ist. So etwas habe ich nicht gekannt. Jetzt weiß ich, wie das es sein wird und auf dieses Szenario müsste ich mich besser vorbereiten, falls ich noch mal zurückkomme. Ich sage jetzt auf keinen Fall, dass ich immer dort antrete, aber wenn es irgendwie einfach geht, so wie heuer durch das Golden Ticket beim Canyons Endurance Run mit Rang drei, dann würde ich es auf jeden Fall wieder probieren.

Eigentlich kann ich das Ergebnis nicht so stehen lassen, aber es gibt noch viele Sachen, die ich probieren möchte und wo ich noch mal hin möchte… eigentlich wollte ich heuer zum Hardrock 100, dann ist der Western States worden. Man weiß nie, wohin die Reise geht.

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