Es gibt Rennen, die man läuft. Und es gibt Rennen, die man einmal im Leben gelaufen sein müsste. Sierre-Zinal gehört unbestreitbar zur zweiten Kategorie. 31 Kilometer, 2.200 Höhenmeter, fünf Viertausender am Horizont. Und eine fast 52-jährige Geschichte, die das Trailrunning zu dem gemacht hat, was es heute ist.
Text: Egon Theiner
Bilder: GTWS / Rising Story, Sierre-Zinal
Eine „kluge Verrücktheit“: Wie alles begann
Am 11. August 1974 stehen in Zinal nur wenige Zuschauer am Straßenrand. Einen Monat vor dem Rennen hatten sich gerade einmal 70 Läuferinnen und Läufer angemeldet.
Der Mathematiker, Wissenschaftshistoriker und diplomierte Schweizer Bergführer Jean-Claude Pont hatte die Strecke von Sierre nach Zinal ersonnen. „Die Leute hielten mich für komplett verrückt“, erinnerte sich Pont später an die Reaktionen auf seine Idee.
Am Renntag drohte dann fast das endgültige Aus. Frühe Schneefälle auf 1.500 Metern bei Chandolin gefährdeten die gesamte Veranstaltung. Doch während Pont und sein Team berieten, wuchs die Zahl der Anmeldungen weiter. Am Ende standen 1.000 Läuferinnen und Läufer am Start, der Schnee ließ nach – und aus einer „klugen Verrücktheit“ wurde eine der bedeutendsten Institutionen des Bergsports.
Pont blieb bis 2014 Rennleiter, ehe er die Leitung an den früheren Sieger Tarcis Ançay übergab. Nach nur sechs Monaten übernahm 2015 Vincent Theytaz, der die Organisation bis heute führt.



Sierre-Zinal, 2024
Fünf Gipfel, ein Name
Ihren Beinamen „Course des Cinq 4000“ – Rennen der fünf Viertausender – verdankt die Strecke den Bergriesen, die entlang des Weges sichtbar werden: Weisshorn (4.506 m), Zinalrothorn (4.221 m), Obergabelhorn (4.063 m), das Matterhorn (4.478 m) und die Dent Blanche (4.357 m).
Von Sierre auf 560 Metern führt die Strecke über die ersten, brutalen elf Kilometer mit dem Löwenanteil der Höhenmeter hinauf bis zum höchsten Punkt bei Nava auf 2.424 Metern. Danach geht es fast durchgehend hinunter nach Zinal auf 1.675 Metern. Der explosive Schlusskilometer hat schon zahlreiche Rennen in den letzten Sekunden entschieden – daher: Fast and Furious.
„Die Strecke ist einfach außergewöhnlich“, sagt Rennleiter Vincent Theytaz. „Es herrscht eine einzigartige Atmosphäre entlang der gesamten Route, geschaffen von den Dörfern, den Helferinnen und Helfern und den Zuschauern. Das Rennen ist international gewachsen, ohne je seinen menschlichen, authentischen Geist zu verlieren.“
„Das Herz vor der Uhr“
Von Beginn an war Sierre-Zinal für alle offen. Frauen liefen von Anfang an dieselbe Strecke wie die Männer. Mit der „Tourist“-Kategorie schuf Pont zudem eine eigene, nicht gewertete Klasse für Läuferinnen und Läufer, die nicht um Platzierungen, sondern um die Erfahrung selbst laufen.
„Le cœur avant le chrono“ – das Herz vor der Uhr – ist bis heute das inoffizielle Motto des Rennens. Wer unter 2:40 Stunden (Männer) oder 3:10 Stunden (Frauen) ins Ziel kommt, hat sich einen Platz auf der eigens eingerichteten „Walk of Fame“ verdient. Ein Club, dem laut jüngeren Auswertungen rund zwei Dutzend Männer bislang angehören.
„Was ich an Sierre-Zinal liebe: Es ist eines dieser Rennen mit echter Geschichte. 53 Ausgaben, dieselbe Strecke seit den 1970er-Jahren. Jede Generation von Bergläuferinnen und -läufern ist hier auf exakt derselben Route gelaufen.“
— Kilian Jornet

Das Männer-Podium 2024
Rekorde, die eine Generation überdauerten
16 Jahre lang hielt Jonathan Wyatt aus Neuseeland mit 2:29:12 Stunden (2003) den Streckenrekord der Männer. Bis 2019 ein junger Spanier namens Kilian Jornet ihn in einem der stärksten Felder der Renngeschichte auf 2:25:35 Stunden drückte.
Fünf Jahre später, 2024, setzte Jornet noch eins drauf. In einem der dramatischsten Zieleinläufe der Trailrunning-Geschichte hielt er sich den heranstürmenden Kenianer Philemon Kiriago gerade einmal 1,5 Sekunden vom Leib – und verbesserte dabei seinen eigenen Rekord auf 2:25:34 Stunden. Es war Jornets zehnter Gesamtsieg bei Sierre-Zinal.
Bei den Frauen hält Maude Mathys aus der Schweiz seit 2019 den Streckenrekord mit 2:49:20 Stunden. Sie unterbot damit die bis dahin elf Jahre bestehende Bestmarke von Anna Pichrtova (2:54:26 Stunden, 2006).
In der ewigen Bestenliste der Siege reihen sich neben Jornet (10 Siege) unter anderem Ricardo Mejía aus Mexiko (5 Siege) und der US-Amerikaner Pablo Vigil ein, der zwischen 1979 und 1982 viermal in Serie gewann. Bei den Frauen dominierten Anna Pichrtova (4 Siege in Folge) und Maude Mathys (4 Siege). Veronique Marot aus Großbritannien und die Schweizerin Isabella Crettenand-Moretti triumphierten in den 1980er- und 1990er-Jahren jeweils dreifach.
Kiriago sollte seine knappe Niederlage von 2024 nicht lange nachhängen: Ein Jahr später stand er selbst ganz oben auf dem Podest. „Es ist mein Lieblingsrennen in Europa und das längste, das ich je gelaufen bin“, sagt der Titelverteidiger. „Ich mag, dass es jedes Jahr dieselbe Strecke ist: fordernd am Anfang, sehr schnell danach.“



Sierre-Zinal, 2025
Ein Schatten über 2025
Nicht jedes Kapitel der Geschichte ist ruhmreich. Bei derselben Ausgabe 2025, bei der Kiriago seinen zweiten Sieg feierte, lief bei den Frauen die Kenianerin Joyline Chepngeno als Erste ins Ziel.
Ihr Sieg wurde ihr jedoch wenige Wochen später wieder aberkannt. Eine Dopingprobe wies die verbotene Substanz Triamcinolonacetonid nach, ein Kortikosteroid, das Chepngeno nach eigener Aussage gegen Knieschmerzen injiziert bekommen hatte. Die Athletics Integrity Unit sperrte sie für zwei Jahre, Sierre-Zinal disqualifizierte sie umgehend. Neue Siegerin wurde die zweitplatzierte Caroline Kimutai aus Kenia – bei ihrem allerersten Start in Sierre.

Das Frauen-Podium 2025, das sich nicht mehr in der Ergebnisliste widerspiegelt
2026: Der letzte europäische Stopp vor Asien
Am 8. August 2026 macht die Golden Trail World Series zum fünften Mal in dieser Saison in Sierre-Zinal Station. Zugleich ist es der letzte europäische Termin vor dem entscheidenden asiatischen Saisonfinale.
Kiriago und Kimutai werden als Titelverteidiger erwartet. Kilian Jornet dagegen muss aussetzen: Nach einer verletzungsgeplagten Saison hat der Rekordsieger seinen Start abgesagt.
Übertragen wird das Rennen international über die Plattformen von Warner Bros. Discovery Sports, darunter HBO Max, Eurosport und TNT Sports. „Die Golden Trail World Series hat das Rennen international auf ein neues Level gehoben“, sagen die Organisatoren. „Sie hat die Sichtbarkeit von Sierre-Zinal weit über die Schweiz hinaus enorm gesteigert.“
Mehr als 6.800 Läuferinnen und Läufer aus über 70 Nationen werden erwartet – verteilt auf die gewertete „Runner“- und die nicht gewertete „Tourist“-Kategorie. Das hat Sierre-Zinal längst den Beinamen „New York Marathon des Trailrunnings“ eingebracht.
Die Kathedrale unter ihresgleichen
Wer über die bedeutendsten Bergläufe der Welt spricht, kommt an Sierre-Zinal nicht vorbei. Genauso wenig wie am spanischen Zegama-Aizkorri Marathon im Baskenland, dem Pikes Peak Ascent/Marathon in Colorado oder dem UTMB rund um den Mont Blanc.
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Kilian Jornet, der Sierre-Zinal so oft gewonnen hat wie kein anderer, auch bei UTMB und Pikes Peak Siege und Streckenrekorde sammelte. Diese Rennen bilden gemeinsam so etwas wie den inoffiziellen Kanon des Bergsports. Doch Sierre-Zinal nimmt darin eine besondere Stellung ein: als ältestes der großen Rennen, mit einer seit 1974 unveränderten Strecke, die es erlaubt, Leistungen über fünf Jahrzehnte hinweg direkt zu vergleichen.
Was 1974 mit 70 Anmeldungen und einer drohenden Schneekatastrophe begann, ist heute eines der am meisten begehrten Ziele im internationalen Bergsport. Und beweist Jahr für Jahr aufs Neue, dass große Geschichten manchmal wirklich mit einer klugen Verrücktheit beginnen.
Sierre-Zinal auf einen Blick
| Erste Austragung | 11. August 1974 |
| Gründer | Jean-Claude Pont |
| Strecke | 31 km, Sierre (560 m) → Zinal (1.675 m) |
| Höhenmeter | ca. 2.200 m, höchster Punkt bei Nava (2.424 m) |
| Beiname | „Rennen der fünf Viertausender“ |
| Streckenrekord Männer | 2:25:34 h (Kilian Jornet, 2024) |
| Streckenrekord Frauen | 2:49:20 h (Maude Mathys, 2019) |
| Rekordsieger | Kilian Jornet (10 Siege) |
| Serie | Golden Trail World Series (seit 2018), WMRA World Cup |
| Teilnehmende 2026 | rund 6.800 aus über 70 Nationen |
| Nächster Termin | 8. August 2026 |
| Website | www.sierre-zinal.com |




