Wer zahlt für den Trail? (1)

Eine Recherche über öffentliche Gelder, private Konzerne und die stille Wahrheit hinter dem Geschäftsmodell des modernen Trailrunnings.

Text: Egon Theiner
Bild: UTMB

Der Südthüringen Trail findet jeden September in Suhl statt. 500 Trailrunner gehen über drei Distanzen auf die Strecke, es ist ein mittelgroßer Grassroots-Event. Das Gesamtbudget beläuft sich auf knapp 45.000 Euro. Die Startgelder decken 66 Prozent davon, Sponsoren steuern 30 Prozent bei. Die öffentliche Förderung beläuft sich auf 2.000 Euro – vermittelt von der Stadt Suhl über die Sparkasse. Vier Prozent. Der Veranstalter kommt damit aus.nd dann ist da der Rest.

Nizza, April 2026

Éric Ciotti, Bürgermeister von Nizza und Parteivorsitzender der rechtsgerichteten Union des droites pour la République, gab bekannt, dass die Stadt die finanzielle Unterstützung für den Nice Côte d’Azur by UTMB mit sofortiger Wirkung einstellt. 650.000 Euro in cash und Dienstleistungen – gestrichen. Das Geld solle künftig in lokale Sportanlagen fließen.

Was folgte, war ein Aufschrei zuerst und kein Aufschrei danach. Das Rennen findet trotzdem statt.

Die UTMB Group reagierte mit einem Statement: „Trotz der erheblichen Reduzierung der Unterstützung durch die Stadt haben wir beschlossen, die Veranstaltung aufrechtzuerhalten, um unseren Verpflichtungen gegenüber den 6.500 angemeldeten Läufern nachzukommen. Diese Entscheidung ist mit Kosten verbunden, die wir selbst tragen.“

Ein privatwirtschaftliches Unternehmen trägt Kosten, die bisher die öffentliche Hand getragen hat. Das Rennen läuft weiter. Die Frage, die sich damit stellt, ist keine neue – aber sie wird lauter.

Kanarische Inseln, Oktober 2023

Öffentliche Vergabedokumente (siehe Anhang) von Promotur Turismo Canarias – der staatlichen Tourismusgesellschaft der Kanarischen Inseln – belegen, wohin öffentliches Geld fließen kann. Im Oktober 2023 überwies Promotur 150.000 Euro direkt an UTMB Iberia S.L., die spanische Tochtergesellschaft der UTMB Group, unter dem Titel „Patrocinio Transvulcania by UTMB“ (Expediente EAJ 0146/2023).

Die Förderkette lautet: Öffentliche Hand – UTMB Iberia S.L. Nicht über einen lokalen Veranstalter, sondern direkt an eine privatwirtschaftliche Tochtergesellschaft eines international agierenden Unternehmens.

Was danach passierte, ist ebenfalls dokumentiert. SODEPAL, die lokale Entwicklungsgesellschaft der Insel La Palma, entschied sich, nach zwei Jahren die Zusammenarbeit zu beenden und machte von der vorgesehenen Opt-Out-Regelung Gebrauch. In den Vergabedokumenten für 2024 und 2025 trägt nicht mehr UTMB Iberia, sondern SODEPAL als Empfänger ein. Der Betrag sank auf jeweils 100.000 Euro. Die Transvulcania hat sich seither sportlich-qualitativ und auch in seinem Image erholt.

Das Aostatal, Juli 2025

Das Regionalparlament der Valle d’Aosta bewilligte im Juli 2025 den Organisatoren der Monte Rosa Walserwaeg by UTMB, angeführt von Franco Collé, jährlich 400.000 Euro für drei Jahre (2025–2027) – insgesamt also 1,2 Millionen Euro. Das Event war mit 4.100 Startern aus 80 Nationen ausverkauft und stand wirtschaftlich so gut da, dass die Organisatoren Schwierigkeiten hatten, die öffentlichen Förderungen mit getätigten Ausgaben zu rechtfertigen.

Deswegen nahmen sehr viele in der Region diese Ausschüttung an Geldern nicht kommentarlos hin. Claudio Hérin, Organisator des Cervino Matterhorn Ultra Race, sagte: „Wir sehen eine große Ungleichbehandlung.“ Christian Voyat vom Vertical Fénis formulierte es klarer: „Für wie groß auch immer, für wie prestigereich auch immer – der UTMB bleibt ein privater, kommerzieller Zirkus.“ Und Yanick Zublena vom Vertical Saint Marcel: „Wir stecken alle unsere Seele rein, aber die öffentliche Unterstützung ist gering. Viele Rennen riskieren zu verschwinden.“

IATF, jedes Jahr Ende April

Das Innsbruck Alpine Trailrun Festival zählt mit 8.500 Teilnehmern aus 82 Nationen (Zahlen: 2026) zu den größten Trailrunning-Events Europas und damit der Welt. Barbara Plattner, Geschäftsführerin von Innsbruck Tourismus, nennt die Wirtschaftszahlen aus dem Jahr 2025: 30.000 Nächtigungen und eine Wertschöpfung von 3,6 Millionen Euro. Es mag im Sinne der Politik und der Touristiker sein, große Events in der eigenen Region zu beherbergen – wie viel öffentliche Mittel dafür eingesetzt werden, ist indes sehr wohl auch interessant.

Das Presseamt der Stadt Innsbruck antwortete ausführlich auf die gestellten Fragen.

Frage: Unterstützt die Stadt/Gemeinde das jeweilige Trailrunning-Event finanziell und/oder durch Dienstleistungen?
Antwort: Ja, finanziell und durch die kostenlose Überlassung einer Fläche für die Dauer des Events.

Frage: Wenn ja, von welcher Größenordnung sprechen wir bzw. in welcher Form?
Antwort: Das Sportamt der Stadt Innsbruck unterstützt das Innsbruck Alpine Trailrun Festival in Form einer Sportsubvention in Höhe von 25.000 Euro. Des Weiteren stellt die Stadt Innsbruck die dafür verwendete Fläche kostenlos für die Dauer des Events zur Verfügung, dies entspricht einem Gegenwert von rund 360 Euro/Tag.

Frage: Wie wird diese Förderung intern begründet bzw. gerechtfertigt?
Antwort: Trailrunning ist eine der populärsten Sportarten in Innsbruck, insbesondere durch die ausgezeichnete lokale Sportinfrastruktur hierfür. Auch auf Basis des Sportentwicklungsplans sollen die Veranstaltungsförderungen vor allem darauf abzielen, lokale Sportarten zu fördern, vorhandene Infrastrukturen zu nutzen und auch auf das Erbe vergangener Sport(groß)veranstaltungen (wie die Trailrun-WM 2023) aufzubauen und anzuknüpfen.

Suhl, jedes Jahr im September

Der Südthüringen Trail kostet 45.000 Euro. Er bekommt 2.000 Euro von der Sparkasse. Es gibt keinen Lizenzvertrag mit einem internationalen Konzern. Es gibt keine Tochtergesellschaft als Empfänger. Es gibt keine Pressestelle, die schweigt, und es gibt Transparenz bis zum letzten Euro.

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Anmerkung: Der Text wurde am 28.4.2026, 17:30 Uhr mit den Antworten des Presseamtes der Stadt Innsbruck ergänz.

Die UTMB Group wurde um eine Stellungnahme ersucht, kleinere Veranstalter – wie beispielsweise jene des Lindkogel oder Schneeberg Trails im Osten Österreichs oder der Dolomiti Extreme Trail in Norditalien – haben Daten zur Verfügung gestellt: Trailrunningworld.net bleibt an diesem Thema dran.


Quellenverzeichnis

Sport Business Club: „A Nice, l’IronMan et l’Ultra Trail UTMB se maintiennent, mais sans subventions publiques“, April 2026.

Nice Presse: „Nice – privé de subventions par la mairie d’Éric Ciotti“, April 2026.

UTMB Group: Offizielles Statement zur Ausgabe 2026 des Nice Côte d’Azur by UTMB, April 2026.

AostaSera: „Contributo alla Monte Rosa Walserwaeg by UTMB, l’amarezza di altri organizzatori“, Juli 2025.

AostaSera: „La Regione sostiene la Monte Rosa Walserwaeg: approvato un disegno di legge per un contributo triennale“, Juni 2025.

Promotur Turismo Canarias, S.A.: Expedientes de Contratación de LCSP – Contratos adjudicados 2023, 2024, 2025. Öffentliches Vergabedokument.

Top Tirol: „Das Innsbruck Alpine Trailrun Festival 2026 bricht Rekorde“, April 2026.

Südthüringen Trail: Informationen zur Veranstaltungsfinanzierung, direkt vom Veranstalter.

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