Kurt König: „Um in die Elite vorzustoßen, brauche ich ,by UTMB‘ nicht…“

Am 1. Dezember 2025 ist er 68 Jahre alt geworden, und wenn er gefragt wird, was denn sein Beruf ist, dann meint er lachend: „Pensionist“. Und das mag technisch gesehen auch stimmen, genauso, wie es auch stimmt, dass Kurt König einer der fittesten Pensionisten in Deutschland ist. Er ist im Fitnesstudio zu finden, auf Rad- und Lauf- und Langlaufstrecken, und bei einem Trail-Event auf Sardinien im Sommer ist er ohne großartige Vorbereitung auch selbst mitgelaufen: „Es ist mir sehr gut dabei ergangen.“

Dass der dreifache Gewinner des Empire State Building Run Up in New York (1995-1997) und mehrfache WM-Medaillengewinner im Berglauf in Pension ist – na ja, das ist vielleicht die halbe Wahrheit. König steht als Trailrunning-Coach Interessierten aller Leistungsgruppen zur Verfügung und nimmt diese Aufgabe ernster, als es potenzielle Schützlinge vielleicht vermuten. Ehe der erste Trainingsplan erstellt wird, müssen 25 Fragen beantwortet werden, die bis tief in den Privatbereich hineingehen. „Ich muss wissen, was ich wem zumuten kann“, erklärt der Mann aus Bayern.

Text: Egon Theiner
Bilder: Privatarchiv Kurt König

Und noch einem Betätigungsfeld widmet sich der ehemalige Berglauf- und Trailrunning-Experte des Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV) intensiv. König ist Kopf des SCARPA Team, in dem deutsche Nachwuchshoffnungen an die Weltspitze herangeführt werden sollen. „Die Verbände, zumindest in Deutschland, bringen sich in der Förderung junger Athleten nicht ein, deswegen ist es schön zu sehen, dass sich die Sportartikelindustrie engagiert. Jene, die in die Elite vorstoßen, wie beispielsweise Lukas Ehrle, sind Zufallsprodukte eines privaten Umfeldes und der eigenen Individualität und entstehen aktuell nicht aus einem System heraus.“ König blickt nach Italien, das im Trailbereich vor Nationen wie eben Deutschland liegt: „Andere Strukturen, ganzheitliche Entwicklung der jungen Sportler und Sportlerinnen, darauf aufbauend die Spezialisierung. Und deswegen mehr Erfolg.“

In Deutschland krankt das System schon aufgrund der Tatsache, dass Trailrunning dem Breiten- und nicht dem Leistungssport zugeordnet ist. Von der Basis zieht sich ein roter Faden des Missverständnisses bis ganz oben: Hannes Namberger, Mitglied der Athletenkommission, hatte 2025 kein Interesse an einer WMTRC-Teilnahme. Für König einfach nur unverständlich.

„Solange Trailrunning als Breitensport bewertet wird, werden sich große Verein weigern, Startgebühren und Reisekosten zu übernehmen“, meint Kurt König. Wenn also die 16 Kilometer beim Zugspitz Ultra Trail by UTMB in der höchsten Preisstufe über 100 Euro kosten, dann werden Jugendliche dreimal überlegen, ob sie dort starten werden, „bei einem besseren Grainau Waldlauf.“

Die Dominanz einer Organisation, die aktuell (Stand 14.12.25) 64 Rennen ihren Annex „by UTMB“ versehen hat, hemmt bis zu einem gewissen Ausmaß die Nachwuchsförderung. UTMB sei eben nun ein Statussymbol geworden, Sportler:innen würden sich brüsten, dort dabei gewesen zu sein, im Web und in den Sozialen Medien würde der Eindruck erweckt, dass es die Gleichung UTMB = Trailrunning gäbe. „Es läuft auf einen Verdrängungswettbewerb hinaus, UTMB will alle großen Veranstaltungen unter ihr Dach bringen und betreibt Gewinnmaximierung. Aus wirtschaftlicher Sicht kann man den Leuten keinen Vorwurf machen, das Marketing, das sie betreiben, ist auch richtig gut: Alle sollen, wollen, müssen nach Chamonix. Klar, dass Jugendliche dadurch beeinflusst werden.“

Die SCARPA-Athlet:innen werden beim ZUT fehlen („die Strecken taugen nichts“), eine Liste von Rennen, die 2026 beschickt werden sollen, liegt auf. Darauf befinden sich Events wie der Ötzi Trailrun oder der Schnalstal Ultra in Südtirol, der Garda Trentino Trail in der Nachbarprovinz, der Pitz Alpine Glacier Trail in Tirol oder aber auch der Bad Reichenhall City Trail – für deutsche Verhältnisse eine sehr schwere Angelegenheit, wie der Experte meint.

Kurt König stellt sich Fragen, die sich andere, jene, die in den Institutionen an den Schalthebeln der Macht, auch stellen sollten. Durch was wird die Trail-Szene gefüttert? Wie führen wir Aktive an die Spitze heran? Welche Bewertungskriterien in Qualifikationsfragen ziehen wir heran? „Mir ist es zu wenig, auf einen intransparenten und deswegen diskutablen Index der International Trail Running Association ITRA zurückzugreifen, wenn es um Nominierungen geht. Wer auf Systeme anderer Institutionen baut, gibt das Prinzip auf, Neutralität zu bewahren.“ Überspitzt formuliert: Dann könnte ja auch die ITRA selbst die nationalen Nominierungen für ihre Weltmeisterschaften vornehmen.

Wenn man ein Auge für die Athleten hat, dann können die aktuellen Talente und späteren Stars auch bei Läufen abseits des Mainstreams erkannt werden. Gerne ist König in Italien unterwegs: bessere Strecken, gute Organisation, Veranstaltungen mit dem gewissen Etwas, südländische Freundlichkeit, und nicht zu vergessen – nicht allzu teuer. In Italien ist Trailrunning ein Volksport, schwärmt König: „Beim Giir di Mont in Premana in der Lombardei herrscht eine Stimmung unter den Zuschauern wie im Radsport, wenn es bei der Tour de France di Alpe d’Huez hinaufgeht. Das ist absolut mit Chamonix vergleichbar.“

…aber ab einem gewissen Punkt fördern die ‚by UTMB‘-Rennen das professionelle Weiterkommen

(Kurt König)

Und wenn die Jungen vom SCARPA-Team sich bewähren und beweisen, wie könnte es dann mit ihnen weiter gehen? Dann, ja dann werden die ganzen Weltcupserien im Berglauf oder im Skyrunning, dann werden die Golden Trail World Series und auch die ganzen Rennen „by UTMB“ interessant.

„Eliteläufer und -läuferinnen benötigen prominente Rennen, bei denen sie sich in Szene setzen können“, sagt König, „das zieht dann Sponsoren und Brands an, und das ist auch gut so. Mein Fazit ist deswegen zweigeteilt. Ich betrachte die ganzen Entwicklungen in der UTMB-Welt kritisch, weil Kartelle, oder Kartelle, die sich gerade bilden, nie gut sind. Doch niemand, auch jene, die eine Spitzensportkarriere anstreben, ist gezwungen, dort dabei zu sein – und ab einem gewissen Punkt kann so eine Serie auch förderlich sein für einen Berufsweg, der sich ,Trailrunning-Profi‘ nennt.“

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